Ich bin gerade (im Mai 2018) von einer Reise durch Israel zurückgekehrt – voller Erkenntnisse, aber auch mit vielen neuen Fragezeichen im Kopf. Trotzdem gab es einen roten Faden, der sich durch alle Begegnungen zog – einen, der Hoffnung macht.
Hinweis aus heutiger Sicht: Dieser Artikel entstand 2018 unter dem Eindruck meiner Reise und meiner damaligen Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Auch wenn ich die Vision von Verbundenheit nach wie vor teile, blicke ich heute durch einen traumasensible und körperorientierte Brille auf diesen Konflikt – mit einem tieferen Verständnis dafür, dass Heilung mehr braucht als nur das Erkennen gemeinsamer Bedürfnisse (dazu mehr am Ende des Artikels).
Israel sei wie eine Zwiebel, sagte unsere Reiseleiterin einmal – mit vielen Häuten und Ringen und auch vertikalen Linien. Ein schönes und passendes Bild, finde ich. Israel ist nicht einfach zu durchblicken. Und je mehr man versteht, je weiter man vordringt, desto größer erscheinen die Wissenslücken, die sich auf dem Weg immer wieder auftun.
Im Rahmen der sehr empfehlenswerten Israel-Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ging es nach Tel Aviv, in einen Kibbuz nahe des Gazastreifens, nach Tiberias am See Genezareth, nach Ramallah ins Westjordanland, ans Tote Meer und schließlich nach Jerusalem. Einzig eine Besichtigung der Golanhöhen an der Grenze zu Syrien war nicht wie geplant möglich, da in der Nacht zuvor Raketen, Kampfjets und Marschflugkörper flogen.
Überhaupt war die Reisezeit ziemlich ereignisreich: Donald Trump kündigte sein Atom-Abkommen mit Iran auf, mehr als 50 Menschen im Gaza-Streifen starben, Israel feierte 70 Jahre Unabhängigkeit, die Palästinenser gedachten am selben Tag der Nakba (Katastrophe) vor 70 Jahren, die mit der Flucht und Vertreibung von etwa 700.000 arabischen Palästinensern einherging, die US-Botschaft wurde nach (West-)Jerusalem verlegt. Und ganz nebenbei – als Kontrastprogramm sozusagen – gewann Israel den Eurovision Song Contest.
















Wer hat Recht? Eine Frage der Perspektive
Was während der Reise und den vielen Begegnungen deutlich wurde: Es dreht sich alles um Sprache – genauer: um Narrative. Je nachdem, mit wem man spricht, erfährt man die eine oder die andere Perspektive und gefühlt hunderte Nuancen dazwischen. Die Vielfalt der Themen, der persönlichen Geschichten, der Meinungen und Beweggründe ist überwältigend und hat mir einen Eindruck davon vermittelt, wie kompliziert, wie anstrengend, aber auch interessant das Leben in diesem Land sein muss.
Und doch lassen sich all die Themen, alle Begegnungen, alles neue Wissen, alle Eindrücke auf eine Erkenntnis herunterbrechen.
Es gibt etwas, das die Menschen, so verschieden auch ihre Herkunft, ihre Gedanken und Leben sein mögen eint: ihre Bedürfnisse.
Gemeinsame Bedürfnisse: Eigentlich wollen alle dasselbe
Ihnen allen, das wurde deutlich, sind letztlich dieselben Dinge wichtig: Sie sehnen sich nach Anerkennung, nach Respekt und Toleranz der eigenen Sichtweise. Egal, ob es die Winzerin ist, die sich als erste Frau in Israel in diesem Business mit den bestehenden patriarchalen Strukturen auseinandersetzen muss. Oder der israelische Siedler, der auf seinem Recht besteht, im Westjordanland zu wohnen. Oder die israelischen und palästinensischen Journalisten, die sich für Meinungs- und Informationsfreiheit stark machen. Oder der Sprachaktivist, der das Jiddische wieder aus der Versenkung hervorholen will und dafür bereits Tausende Bücher zusammengetragen hat.
Sie alle wollen ihre Identität ausleben, sich selbstbestimmt entwickeln, in Würde leben. Sie möchten gesehen, gehört und verstanden werden, Verständnis für ihre jeweilige Situation erfahren und nicht schlechter als ihre Mitmenschen behandelt werden. Sie möchten in Sicherheit leben, beschützt und ohne Krieg. Und nicht zuletzt sind ihnen Ruhe und Entspannung wichtig, ebenso Freude und Leichtigkeit. (Eine ausführliche Bedürfnis-Übersicht findest du übrigens im Basiskurs für klare & achtsame Kommunikation.)

Diese Bedürfnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche. Ist das nicht beruhigend: Im Endeffekt wollen alle dasselbe – auch wenn sie sich unterschiedlicher Mittel bedienen, um ans Ziel zu gelangen und es dabei auch ab und an aus den Augen verlieren.
Meine Israel-Reise hat mir einmal mehr gezeigt, dass die „König der Löwen“-Weisheit viel Wahres enthält: Wir sind eins. Und würde man den Fokus mehr auf diese Gemeinsamkeiten als die Unterschiede der Konfliktparteien lenken, dann wäre dies vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung – eine Art Wegweiser hin zur Lösung des scheinbar unlösbaren Nahost-Konflikts.
Was hoffen lässt: Mancherorts wurde diese Erkenntnis bereits verinnerlicht – zum Beispiel in Givat Haviva, einem inspirierenden Begegnungszentrum für Israelis und Palästinenser, in dem Gemeinschaft und Gemeinsamkeit im Vordergrund stehen – der Aushang auf dem Foto (How to build Community – Wie man Gemeinschaft bildet) macht’s deutlich – und enthält zudem viele schöne Anregungen, die das Zusammenleben und den Alltag auf einfache Weise erfüllter machen.
Hast du auf Reisen schon einmal ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen gemacht?
Nachtrag: Was ich heute ergänzen würde…
Wenn ich diesen Artikel heute lese, lächle ich über meinen damaligen Optimismus. Ich halte den Blick auf unsere Bedürfnisse und das Verbindende zwar nach wie vor für wertvoll, aber durch meine heutige Arbeit mit dem Körper und dem Nervensystem sehe ich eine weitere Ebene:
Verstehen allein reicht oft nicht aus. Wir können intellektuell wissen, dass unser Gegenüber die gleichen Bedürfnisse nach Sicherheit oder Respekt hat – und uns trotzdem körperlich bedroht fühlen. Wenn unser Körper im Überlebensmodus ist, weil wir Stress oder alte Wunden in uns tragen, schaltet unser Herz quasi auf Durchzug. In solchen Momenten können wir keine Empathie „herstellen“, egal wie sehr wir es wollen.
Auch heute bin ich – trotz allem Chaos im Nahen Osten – noch hoffnungsvoll. Doch diese Hoffnung fußt auf einem anderen Fundament: auf dem Vertrauen darin, dass es eine größere liebevolle Kraft gibt, die jeden von uns gleichermaßen begleitet, leitet und bestärkt.
Und auf dem Wissen, dass Frieden nicht im Kopf mit dem Erkennen von Bedürfnissen beginnt, sondern vor allem in unserem Körper und Nervensystem (in diesem Blogartikel schreibe ich aus meiner heutigen Perspektive über die Grenzen der GFK und was stattdessen hilft). Wir müssen uns innerlich sicher genug fühlen, um dem anderen überhaupt wirklich zuhören zu können. Denn nur aus einem entspannten Inneren heraus können wir Brücken bauen, die langfristig halten.