Die innere Sinuskurve ∿ Wirksam werden im eigenen Rhythmus

Hast du manchmal das Gefühl: Alles ist möglich, ich kann alles erreichen! – und dann wird es plötzlich schwer und eng in dir und du fühlst dich wie ausgebremst? Ich kenne das gut, und nenne es heute liebevoll „meine innere Sinuskurve“. In diesem Artikel erzähle ich am Beispiel meines früheren Podcasts darüber, wie ich gegen meinen eigenen Takt gelebt habe – und was mir hilft, mich heute vor allem an meinem eigenen Rhythmus zu orientieren.

Sinuskurvige Tage und Schneckenhaus-Zeiten

Neulich, beim Ausmisten ist mir ein Zettel mit diesem Text begegnet, den ich 2018 geschrieben habe (das Datum war auf der Rückseite notiert):

sinuskurvig sind die tage – auf und ab und rauf und runter.
gestern noch: ideenüberschwung. was als nächstes? am liebsten alles.
ich denke: alles wird anders, und ich bin mutig und wage und verzage nicht. ich will wissen, will lernen, will erschaffen, will ent-wickeln – auch mich.
also lerne ich, lese, notiere, sortiere – und irgendwann ist’s dann zu viel.
ich merk’s im bauch: dort wird’s eng. die sinuskurve führt hinab. zu viel auf einmal gedacht, gemacht, gelesen, gelernt. dabei das essen vergessen – der magen ist leer, der kopf zum bersten voll.
das gute? bald gehts wieder hoch. dann wird weiter gedacht, erschaffen, gestrebt, gelebt.
auf die sinuskurve ist verlass.

Und ich dachte nur: Wow, das könnte auch von gestern stammen. Ja, so erlebe ich es bis heute: ein Auf und Ab, ein Ausdehnen und wieder zusammenziehen.

Obwohl ich schon so viel über Konstanz und Regelmäßigkeit gelesen, gehört, gesehen, gelernt habe (und mich immer wieder bemüht habe, wie ein Uhrwerk zu laufen), stockt es irgendwann. Ich brauche Pause. Rückzug. Zeit für mich. Um dann wieder neu aus den Vollen schöpfen zu können und meine Energie wirklich „auf die Straße zu bringen“, wie es so schön heißt.

Mein Podcast, der gegen meinen Rhythmus lief

Vor einigen Jahren hatte ich einen Podcast über gewaltfreie Kommunikation. Anfangs erschien jede Woche eine neue Folge, immer dienstags. Bevor der Podcast erschien, hatte ich ein paar Folgen vorproduziert; doch mit der Zeit habe ich die Folgen meist erst am Tag vorher (nach meinem 8-Stunden-Arbeitstag) aufgenommen, geschnitten, mit Text versehen und hochgeladen. Sogar im Campingurlaub waren PC und Mikrofon damals dabei und ich habe meine Folgen im „Outdoorbüro“ aufgenommen und geschnitten.

Doch irgendwann konnte ich diesen Takt nicht mehr einhalten, also habe ich pausiert (heute würde ich sagen: Ich kam in den Fluchtmodus, habe mir sozusagen die Decke über den Kopf gezogen und erst mal nichts mehr von mir hören lassen). Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht so gleichmäßig wie eine Maschine funktioniere.

So veröffentlichte ich dann eine zeitlang alle zwei Wochen eine neue Folge. Das war erstmal weniger Stress für mich, aber das Muster wiederholte sich bald: Wieder nahm ich kurz vor knapp meine Folgen auf, machte mir den Druck „pünktlich“ zu sein. Andere konnten das doch auch. Und irgendwann ließ ich den Podcast ganz auslaufen. Das Thema interessierte mich nach wie vor, aber ich hatte mir einen Takt vorgegeben, der gar nicht meiner war.

Nicht immer ist Konstanz das Richtige

Viele erfolgreiche Selbstständige (und die Algorithmen) predigen ja hohe Konstanz: täglich posten, wöchentlich veröffentlichen, besser nicht aussetzen. Und für viele funktioniert das auch, aber eben nicht für alle.

Und ich vermute: Gerade für introvertierte, hochsensible und feinfühlige Menschen, deren Nervensystem mehr aufnimmt und so auch mehr Zeit zum Verarbeiten braucht, kann die Sinuskurve stärker ausschlagen: intensive Phasen des Schaffens und Sichtbarseins, gefolgt von einem großen Bedürfnis nach dem „Scheckenhaus“. Wird dieser Rückzug übergangen, etwa weil ständige Sichtbarkeit als einzige Erfolgsformel gilt, schwingt die Kurve nicht sanft nach unten. Sie bricht ab, wie bei meinem Podcast.

Für Hochsensible und Feinfühlige heißt das: Passende Regeneration ist keine Option, sondern eine Voraussetzung für die nächste produktive Phase. Wenn wir das anerkennen, müssen wir uns nicht mehr an lauteren Vorbildern messen. Die eigene, feinere Taktung können wir dann als das nehmen, was sie ist: sinnvoll und natürlich wie der Rhythmus der Jahreszeiten.

Freundschaft mit der Sinuskurve schließen

Heute weiß ich, dass das kein Defekt ist, dass die Abwärtsbewegung und das Zurückziehen nichts Schlechtes sind gegenüber dem Aufwärtsstreben und Hervortreten. Beides ist wichtig und beides gehört zu mir. Anstrengend wird es nur, wenn ich mir meine „Schneckenhaus-Zeiten“ nicht erlaube.

Wenn ich mich zwinge, zu lange Zeit „on“ zu sein oder mir nicht genügend Pausen in den aktiveren Phasen gönne, schnappt das innere Gummiband zurück und ich brauche doppelt so lang, um mich wieder zu regenerieren und in meiner natürlichen Mitte einzupegeln.

Reifen lassen statt abliefern

Deshalb läuft mein heutiger Newsletter ohne festen Rhythmus. Es gibt keine Ankündigung, wann die nächste Ausgabe kommt, ich verschicke ihn, wenn es wirklich etwas zu sagen gibt. Und genauso halte ich es mit meinen Blogbeiträgen. Ich lasse sie reifen und widme mich den Themen, die gerade wirklich „dran“ sind. Und ich merke: So fühlt es sich viel stimmiger für mich an.

Das heißt übrigens nicht, dass ich keine festen Termine einhalten kann. Auch die „absolute Freiheit“ halte ich für destabilisierend und für mich nicht wirklich erstrebenswert. Aber ich arbeite die wichtigen Dinge vor allem in den für mich passenden Zeiten an den für mich passenden Tagen ab und mache eben weniger, wenn ich weniger Energie habe.

So kann ich auch fixe Termine für Coaching, Yoga und natürlich auch Privates im Kalender stehen haben, aber das Drumherum besser an meine Bedürfnisse anpassen.

Und ich finde auch einen stabilen Rahmen wichtig – mit regelmäßigen Routinen und Ritualen, die Halt geben. Diese Balance zwischen Struktur und Flexibilität beschreiben im Yoga die Prinzipien Sthira und Sukha sehr treffend: Stabilität und Leichtigkeit, die sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig stärken.

Eine kleine Übung: Mit dem eigenen Rhythmus vertraut werden

Was mir dabei geholfen hat: einen Wochenplan zu erstellen, der nicht danach fragt, was ich schaffen muss, sondern einfach wann ich wie bin. Und in dem alles seinen Platz hat: Ruhen, Arbeiten, Essen, Schlafen, Hobbys, Zeit für Partner und Freunde.

Ich habe mich gefragt:

Zu welchen Tageszeiten ziehe ich mich eher zurück, brauche Stille und Raum für mich? Und wann bin ich eher nach außen orientiert, offen für Austausch, Sichtbarkeit, Gespräche?

Dasselbe lässt sich auch auf die Woche übertragen:

An welchen Wochentagen merke ich, dass ich eher im Rückzug bin – und an welchen fühle ich mich eher tatkräftig und kontaktfreudig?

Und auch:

Zu welchen Zeiten würde ich gerne regelmäßige(re) Säulen etablieren, die mich durch den Tag begleiten (zum Beispiel Essens-, Schlaf- und Aufstehzeiten)?

Das muss nicht in Stein gemeißelt sein, aber ein ehrlicher Blick darauf hilft mir, Termine, Aufgaben und Pausen bewusster zu legen, statt sie einem fremden Takt (oder auch innerem Auf und Ab) komplett zu unterwerfen. So kann sich nach und nach ein Wochenrhythmus einpendeln, der nicht gegen die eigene Kurve arbeitet, sondern mit ihr.

Und das geht auch mit einer 40-Stunden-Woche: Wenn ich weiß, dass ich am Montagvormittag eher langsam unterwegs bin, kann ich mich innerlich etwas mehr zurücklehnen – und mir in die Zeiten, in denen ich mehr nach außen gerichtet bin, gezielt Termine, Meetings und Telefonate legen.

Handeln durch Nicht-Handeln – und deine eigene Kurve

Im Daoismus gibt es dafür ein altes Wort: Wu Wei, „Handeln durch Nicht-Handeln“. Gemeint ist keine Passivität, sondern das Ausrichten des eigenen Tuns an natürlichen Rhythmen statt an erzwungener Kraftanstrengung. Musiker und Künstler beschreiben das oft ähnlich: Sie treten mit ihrem Ego zurück, damit die Arbeit durch sie hindurch entstehen kann, statt gegen einen inneren Widerstand erzwungen zu werden.

Für mich heißt das:

Wirksam werden bedeutet nicht am längsten durchzuhalten, sondern im richtigen Moment anzusetzen.

Oft stellt sich die passende Lösung genau dann ein, wenn der Druck weicht (so viele Podcasttitel fielen mir beim Autofahren, Spazieren oder kurz vorm Einschlafen ein, und eben nicht am Schreibtisch).

Und ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass es sich am Ende trotzdem ausgleicht. Die natürlich aktiven Phasen wiegen die Rückzugsphasen auf, sodass ich mich immer entspannter zurücklehnen und die Pausezeiten wirklich genießen und auskosten kann. Im Vertrauen darauf, dass der nächste „Energieschub“ sicher kommen wird.

Deine Kurve sieht wahrscheinlich anders aus als meine. Die Frage ist nicht, ob du eine hast – die hat jeder Mensch. Die Frage ist, ob du sie kennst und ihr Spielraum gibst, oder ob du sie an einem fremden Takt misst, der nie deiner war. Und genau das entscheidet am Ende, ob deine Kraft wirkt – oder ob sie an der falschen Stelle verpufft.

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Alles Gute für dich –
Alina Sauer 

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