Unser Garten ist in diesem Frühling explodiert – nach einem Mix aus viel Regen und Sonne. Hier erzähle ich, was ich dabei über Fülle, unseren Tunnelblick und das Nervensystem gelernt habe und warum es hilfreich sein kann, den Laptop öfter mal zuzuklappen.
Wir renovieren seit einiger Zeit ein altes Haus. Das ist eine schöne und anstrengende Aufgabe zugleich.
Zum Haus gehört auch ein Garten, der sich Anfang des Monats, nach all dem Regen und einzelnen Sonnentagen, in kürzester Zeit in ein grünes Durcheinander verwandelt hat. Zunächst dachte ich: oh nein, noch mehr Arbeit. Jetzt auch noch den Garten pflegen, Unkraut zupfen, mähen, hinterherrennen – ich komme sowieso kaum hinterher.
Aber dann kamen, wie aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig, kleine Anstupser. YouTube-Videos über Wildkräuter, die mich erst jetzt so richtig ansprachen, obwohl ich dem Kanal dahinter schon seit Jahren folge. Beiträge in Foren, die von den Heilwirkungen bestimmter Pflanzen erzählten. Und die Erinnerung daran, wie ich als Kind im großen Familiengarten Sauerampfer, Gänseblümchen, Rotklee, hellgrüne Fichtenspitzen und anderes einfach gepflückt und gegessen habe.
Plötzlich war unser Garten keine zusätzliche Arbeit mehr, sondern ein Schlaraffenland, das mich unterstützt und von dem ich eine Menge lernen kann.
Ich habe Giersch-Pesto hergestellt, kriechenden Günsel, Spitzwegerich und Gundermann entdeckt und probiert, Gänseblümchen- und Löwenzahnblüten gegessen und den Rhabarber, der auch in rauen Mengen gewachsen ist, zu Salsa, Chutney und Limonade verarbeitet. (Klar, das hat auch etwas Arbeit gemacht, aber auch viel Freude. Und vieles kann man eben auch einfach so pflücken und essen – ganz ohne Aufwand und sogar mit gesunder Wirkung).

Was sich verändert hat – und wie das mit dem Nervensystem zusammenhängt
Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn der Garten hatte sich nicht verändert. Die Pflanzen waren dieselben wie vorher – und die Fülle war die ganze Zeit schon da gewesen (vor dem Regen nur noch etwas zurückgezogener). Was sich verändert hatte, war mein Blick darauf. Meine Fähigkeit, sie wahrzunehmen.
Und ich vermute, das hat etwas mit dem Nervensystem und seiner Regulierung zu tun.
Wenn wir unter chronischem Stress stehen oder alte belastende Erfahrungen mit uns herumtragen, die noch nicht verdaut sind, sind wir (oft unbewusst) im Überlebensmodus. Das Nervensystem signalisiert dem Körper: „Achtung, Gefahr“. Und das bedeutet unter anderem: Unser Blick wird enger und angespannter – im übertragenen Sinn und auch ganz real. Unsere Augenmuskeln spannen sich an und schirmen uns wie Scheuklappen von der Welt ab. Wir bekommen einen Tunnelblick.
Die Fülle um uns herum existiert – wir können sie aber nicht wirklich wahrnehmen.
Wenn wir uns langsam regulieren, wenn das Nervensystem wieder mehr Sicherheit spürt, weitet sich unser Blick. Wir richten uns innerlich auf – und oft auch äußerlich.
Wir beginnen wieder wahrzunehmen, wie die Dinge wirklich sind, welche Möglichkeiten es gibt, was uns alles schönes umgibt. In meinem Fall hieß das: Der Garten mit seiner grünen und gesunden Fülle war schon länger da. Ich konnte ihn nur nicht so sehen.

Weicher Blick statt Adleraugen
Im körperzentrierten Coaching beginnen wir jede Sitzung ähnlich: Den Boden unter den Füßen spüren. Den Blick weich und weit werden lassen. Mit den Augen – oder der inneren Wahrnehmung – die Umgebung wahrnehmen, ohne sie zu fixieren, „einen Augenspaziergang machen“. So schaffen wir erst einmal Sicherheit, bevor wir tiefer gehen.
Und das hat einen Grund: Dieser weiche Panoramablick aktiviert den Ruhe-Teil des Nervensystems (Parasympathikus). Er signalisiert: „Ich bin sicher. Ich muss nichts bekämpfen, nichts abwehren, nicht fliehen, nicht übermäßig wachsam sein. Alles in Ordnung.“ Und mit diesem weichen und weiten Blick wenden wir uns später auch dem Körper und seinen feinen Signalen zu.
Adleraugen hingegen – fokussiert, angespannt und auf einen Punkt gerichtet – halten uns in einem angestrengten Habacht-Modus. Und viele von uns verbringen den größten Teil des Tages genau so, ohne es zu merken: auf Bildschirme starrend, konzentriert und angespannt, manchmal chronisch.
Die Natur erzwingt nichts (und wir sollten es auch nicht)
Du musst jetzt nicht sofort den Laptop zuklappen, in den nächsten Wald gehen oder Kräuter sammeln, um dein Nervensystem zu regulieren. Das wäre nur das nächste Projekt auf einer ohnehin schon langen To-do-Liste. Die Natur funktioniert anders. Sie optimiert sich nicht krampfhaft, sie wächst einfach, wenn die Bedingungen stimmen.
Nimm diesen Text stattdessen als Einladung: Löse den Blick für ein paar Momente vom Bildschirm und schau aus dem Fenster. Gönne den Augenmuskeln eine Pause vom Fokus-Modus.
Vielleicht nimmst du dabei wahr, wie reichhaltig die Natur uns gerade versorgt: mit frischen Kräutern, dem hellen Grün der Blätter und der lebendigen Unordnung des Frühlings.

Das eigene Tempo respektieren
Und manchmal gibt es auch Phasen im Leben, in der uns die Fülle da draußen – das Wildwuchernde, das Laute, das Lebendige – schlicht zu viel ist. Das ist völlig okay. Regulierung bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren.
Gib dir Zeit, diese Fülle Prise für Prise wahr- und anzunehmen – ob im Garten, am Wegesrand oder einfach mit dem Blick aus dem Fenster. Die Natur bleibt ein verlässlicher Begleiter, auch wenn sie sich ständig wandelt und im Laufe der Monate neue Farben, Formen, Geräusche und irgendwann auch wieder Stille hervorbringt.
Und manchmal kommt erst nach Jahren der Moment, in dem wir merken: Wow, all das war schon die ganze Zeit da – und jetzt kann ich es wirklich erkennen und dankbar annehmen.
(Das gilt für den Frühlingsgarten genauso wie für die große, universelle Liebe, die uns umgibt – darüber schreibe ich in diesem Beitrag.)