— inkl. Podcastfolge #29 —
Bei Steffen Quasebarth habe ich 2018 mein erstes GFK-Seminar besucht. Damals habe ich an einem Wochenende unglaublich viel über die vier Schritte gelernt – den Kern der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Für diesen Beitrag habe ich mit gesprochen – herausgekommen ist ein vielseitiges und tiefgründiges Gespräch über Entwicklung, Umwege, Selbsttäuschung und echte Transformation.
Wir sprechen darüber…
✨ Was Steffen dazu bewogen hat, sich intensiv mit seiner Kommunikation zu beschäftigen,
✨ wie sich der Umgang mit seinen Mitmenschen dank einer achtsameren Kommunikation verändert hat,
✨ was Steffen unter der „dunklen Seite der GFK“ versteht,
✨ die Stolpersteine auf dem Weg zu einer gewaltfreien Kommunikation und
✨ die beiden Tools, die Steffen nutzt, um die achtsame Kommunikation in sein Leben zu integrieren.
Hier kannst du das Original-Interview im Podcast anhören (A Peace of Language #29, erschienen am 07.07.2020):
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💬👉 Alle weiteren Folgen von „A Peace of Language“ und ähnlichen Inhalte findest du gesammelt hier: Archiv: Gewaltfreie Kommunikation & achtsame Sprache – alle Inhalte im Überblick
Wie alles begann: Eine Suche aus der Not heraus
Steffens Weg zur GFK begann nicht aus Neugier, sondern aus einer persönlichen Krise. Berufliche Unsicherheit, familiäre Veränderungen – und das Gefühl, in Beziehungen nicht mehr wirklich in Verbindung zu sein.
Also machte er sich auf die Suche. In der Bibliothek stieß er schließlich auf das Hörbuch „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“ von Marshall Rosenberg. Und das löste viel in ihm aus:
„Ich, der immer dachte, ich sei ein total netter Typ, habe plötzlich gemerkt: Ich bin sprachlich und in meiner Haltung viel gewalttätiger, als ich es je für möglich gehalten hätte.“
Diese Erkenntnis sei schmerzhaft für ihn gewesen – und gleichzeitig befreiend. Denn sie öffnete eine Tür und ließ ihn weitergehen.
Die Illusion vom schnellen Fortschritt
Was viele am Anfang erleben – und was auch ich gut kenne: Man besucht ein Seminar, lernt die vier Schritte, versteht das Konzept und denkt: Jetzt kann ich das. Steffen beschreibt es so:
„Ich dachte, es geht in Treppen. Ich lerne etwas, setze es um – und bin sofort auf einer neuen Ebene.“
Doch so funktioniert es nicht. Der Prozess ist nicht linear. Er verläuft in Schleifen.
Man lernt etwas, setzt es um – und fällt doch wieder in alte Muster zurück. Nicht komplett, aber ein Stück. Dann geht es wieder vorwärts. Und wieder zurück. Gerade diese Schleifen gehören dazu.


Die „dunkle Seite“ der Gewaltfreien Kommunikation
Ein besonders ehrlicher Moment im Gespräch war Steffens Beschreibung dessen, was er die „dunkle Seite“ der Ein besonders ehrlicher Moment im Gespräch war Steffens Beschreibung dessen, was er die „dunkle Seite“ der GFK nennt.
Nach seinem ersten Seminar kam er nach Hause – und begann, seine Familie „aufzuklären“. Missionarisch, besserwissend.
„Ich habe die GFK als Methode eingesetzt, um zu erreichen, dass andere sich verändern.“
Und genau da liegt der Haken. Gewaltfreie Kommunikation ist keine Technik, um andere gefügiger zu machen. Sie ist ein Weg, um in echte Verbindung zu kommen.
Solange im Hinterkopf das Ziel steckt, dass der andere sich ändern soll, funktioniert es nicht. Die eigentliche Arbeit beginnt bei uns selbst.
Wissen ist nicht Transformation
Steffen unterscheidet dabei zwischen zwei Ebenen des Lernens:
- Wissen erweitern – Bücher lesen, Seminare besuchen, Konzepte verstehen.
- Transformation erleben – das Gelernte verkörpern und fühlen.
„Wir können Bücher über Yoga lesen. Aber erst wenn wir auf die Matte gehen, beginnt die Veränderung.“
Dieses Bild macht es so deutlich: Die vier Schritte der GFK sind simpel – aber nicht einfach. Sie lassen sich leicht verstehen. Doch sie wirklich zu leben, ist etwas völlig anderes.
Fühlen lernen – als Schlüssel zur Veränderung
Was Steffens Prozess entscheidend unterstützt hat, waren zwei weitere Praktiken: Yoga und Meditation.
Seit 2010 praktiziert er Yoga, seit einigen Jahren meditiert er regelmäßig. Und genau dort begann für ihn die eigentliche Sensibilisierung: das Fühlen.
Im Yoga lernte er, körperliche Empfindungen wahrzunehmen. Im Meditieren, auch subtilere Gefühle zu erkennen – Angst, Traurigkeit, Einsamkeit.
„Ich musste erst lernen, körperliche Gefühle überhaupt wahrzunehmen.“
Denn Gefühle sind nichts Abstraktes. Sie zeigen sich im Körper: ein enger Brustkorb, ein schneller Herzschlag, wackelige Beine. Der Geist interpretiert nur, was der Körper uns bereits signalisiert. Und irgendwann konnte Steffen eine Veränderung wahrnehmen. Er formuliert es so:
„Ich kann meiner Angst begegnen, ohne Angst vor der Angst zu haben.“
Das ist Transformation. Nicht das perfekte Anwenden einer Methode – sondern die Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu sein.
Gewaltfreie Kommunikation: Ein Prozess, der Zeit braucht
Was mich besonders beeindruckt hat: die Geduld. Zehn Jahre beschäftigt sich Steffen inzwischen mit Gewaltfreier Kommunikation. Und er sagt klar:
„Ich bin bis heute nicht am Ende angekommen.“
Vielleicht ist genau das der Punkt: GFK ist kein Ziel, das man erreicht. Es ist eine Haltung, die wächst. Ein Weg mit Schleifen, Rückfällen, Ehrlichkeit und Demut.
Und oft beginnt alles in dem Moment, in dem wir bemerken: Ich wollte eigentlich, dass die anderen sich ändern – aber eigentlich darf ich bei mir anfangen.
▸Teil 2 vom Interview mit Steffen Quasebarth – „Wie du an deinen (Kommunikations-) Herausforderungen wachsen kannst“ – findest du hier.
Wenn du noch neu in die Gewaltfreie Kommunikation einsteigst, schau dir hier gern die Grundlagen an, in denen die vier Schritte einzeln erklärt werden:
- Teil 1: Bedürfnisse: das Herz der gewaltfreien Kommunikation (GFK Basics 1/4)
- Teil 2: Gefühle in der Gewaltfreien Kommunikation: Entdecke deine inneren Wegweiser (GFK Basics 2/4)
- Teil 3: Beobachten statt Bewerten: Wie du mit klarer Wahrnehmung Missverständnisse vermeidest (GFK Basics 3/4)
- Teil 4: Bitten statt fordern: Wie du mit Eigenverantwortung Konflikte achtsam löst (GFK Basics 4/4)