Bedürfnisse: das Herz der gewaltfreien Kommunikation (GFK Basics 1/4) — #8 Podcast+Blog

Bedürfnisse sind das Herzstück der gewaltfreien Kommunikation – und vielleicht sogar das Fundament für ein erfüllteres Leben. In diesem Podcast + Blogartikel erfährst du, was Bedürfnisse wirklich sind, was sie nicht sind – und was das alles mit einem kommunistischen Känguru zu tun hat.


Hier kannst du die Folge anhören (erschienen am 05.11.2019):

🔗 Link zur Folge: Hier geht’s zum kostenlosen Starter-Kompass „Klar und achtsam kommunizieren“.


In diesem Monat widme ich mich ganz der gewaltfreien Kommunikation (GFK) – in einer vierteiligen Reihe, die dich Schritt für Schritt in die Grundlagen einführt.

Und obwohl die vier klassischen Schritte der GFK Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte sind, starten wir mit dem Kern von allem: den Bedürfnissen.

Was sind eigentlich Bedürfnisse?

Du kennst es sicher: „Ich habe das dringende Bedürfnis, etwas zu tun“ – oder ganz klassisch: „Ich habe ein Bedürfnis, das stille Örtchen aufzusuchen.“ Das Wort begegnet uns ständig. Aber im Kontext der gewaltfreien Kommunikation meint es etwas Tieferes.

Bedürfnisse sind keine Launen. Sie sind Ausdruck des Lebens.

Sie zeigen, was uns wichtig ist – nicht nur jedem von uns ganz persönlich, sondern für alle Menschen. Und genau hier kommt das Känguru ins Spiel. 😉

„Ach, mein dein – das sind doch bürgerliche Kategorien“

Vielleicht kennst du die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling. Dort zieht ein sprechendes, kommunistisches Känguru ungefragt bei ihm ein, lebt auf seine Weise und diskutiert mit spitzer Zunge über Politik, Besitz und Gesellschaft.

Wenn der Autor sich beschwert, dass das Känguru seine Sachen benutzt oder seine Vorräte aufisst, sagt es nur:
„Ach, mein dein – das sind doch bürgerliche Kategorien.“

Warum dieses Zitat passt? Weil es ein schönes Bild für Bedürfnisse liefert. Denn:

Bedürfnisse gehören niemandem allein.
Sie sind nicht mein oder dein, sondern universell. Alle Menschen teilen dieselben Grundbedürfnisse – über Herkunft, Alter, Kultur oder Lebensstil hinweg.

Bedürfnisse sind universell – Strategien sind individuell

Was bedeutet das genau?
Nehmen wir das Bedürfnis nach Entspannung. Ich erfülle es mir vielleicht, indem ich alleine spazieren gehe. Jemand anderes geht auf eine Party, weil ihn das emotional entspannt. Zwei völlig verschiedene Wege – aber dasselbe Grundbedürfnis.

👉 Wichtig ist: Bedürfnisse sind keine Strategien.
Bedürfnisse sind allgemeingültige, lebensbejahende Qualitäten (z. B. Ruhe, Sicherheit, Zugehörigkeit).
Strategien sind Wege, wie wir uns diese Bedürfnisse erfüllen (z. B. spazieren gehen, Musik hören, reden, feiern, meditieren …).

Missverständnisse und Konflikte entstehen meist auf der Ebene der Strategien, nicht der Bedürfnisse. Lass uns das mal an einem Beispiel anschauen.

Beispiel: Ruhe vs. Feiern

Stell dir vor, dein Nachbar schmeißt eine laute Party – du brauchst aber dringend Schlaf.
Dein Bedürfnis: Ruhe, Erholung.
Seins: Gemeinschaft, Freude, vielleicht Ausdruck.

Die Bedürfnisse an sich stehen nicht im Widerspruch. Nur die Strategien (Party vs. Schlaf) kollidieren.
Und genau hier setzt GFK an: Sie hilft, das zu erkennen – und auf dieser Grundlage konstruktiv zu kommunizieren.

Bedürfnisse laut Marshall Rosenberg

Der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, hat neun große Bedürfnisgruppen identifiziert, um die Vielfalt leichter greifbar zu machen:

  1. Körperliches Wohlbefinden
    (z. B. Nahrung, Bewegung, Gesundheit, Schlaf)
  2. Sicherheit & Schutz
    (z. B. Rückzugsraum, Klarheit, Frieden)
  3. Erholung & Entspannung
    (z. B. Auszeit, Leichtigkeit, Nichtstun, Feiern)
  4. Autonomie & Freiheit
    (z. B. Selbstbestimmung, Wahlfreiheit, Unabhängigkeit)
  5. Liebe & Zugehörigkeit
    (z. B. Nähe, Familie, Freundschaft, Gemeinschaft)
  6. Wertschätzung & Anerkennung
    (z. B. gesehen werden, Respekt, Gleichwürdigkeit)
  7. Sinn & Orientierung
    (z. B. Inspiration, Kreativität, Entwicklung, Spiritualität)
  8. Beitrag leisten
    (z. B. Wirksamkeit, gebraucht werden, Sinn erleben)
  9. Spiel & Leichtigkeit
    (z. B. Humor, Verspieltheit, Genuss)

Du musst dir nicht alle merken. Aber es lohnt sich, immer wieder innezuhalten und dich zu fragen:

Welches Bedürfnis steht gerade hinter meinem Gefühl?

Warum Bedürfnisse verbinden – nicht trennen

Bedürfnisse haben eine enorme Kraft:
Wenn du erkennst, dass ein anderer Mensch sich letztlich nach dem Gleichen sehnt wie du, entsteht Mitgefühl, Verständnis, Verbindung.

Das bedeutet nicht, dass du jede Handlung gutheißen musst – aber du kannst sie verstehen.

Und genau das ist die Essenz der gewaltfreien Kommunikation.

Bedürfnisse erkennen: von innen nach außen

Bevor du nach Lösungen suchst – mach den inneren Check:

  • Was brauche ich gerade?
  • Was fehlt mir?
  • Was ist vielleicht gerade besonders erfüllt?

Bedürfnisse sind wie ein innerer Kompass.
Sie geben dir Orientierung, auch in stürmischen Zeiten. Erst wenn du sie klar benennen kannst, kannst du auch kommunizieren, was du brauchst – ohne Vorwürfe oder Forderungen.

Oder hier nochmal in Gedichtform erklärt 😉 :

Fazit: Bedürfnisse als Schlüssel zur Verbindung

Bedürfnisse sind universell, lebensbejahend und kraftvoll.
Wenn du sie erkennst – in dir und in anderen – wirst du:

  • Konflikte besser verstehen,
  • empathischer reagieren,
  • und klarer kommunizieren, was du brauchst.

Sie sind der erste Schritt in Richtung einer bewussteren, achtsameren Sprache – und damit auch zu erfüllteren Beziehungen.

Mini-Impuls für die Woche

Frag dich diese Woche täglich:

„Welches Bedürfnis ist bei mir heute besonders präsent?“

Du musst erstmal nichts weiter tun oder verändern – es reicht, es zu bemerken. Denn Achtsamkeit beginnt mit Aufmerksamkeit.

Nächstes Mal geht’s dann weiter mit Gefühlen – und wie sie mit unseren Bedürfnissen verbunden sind.


Dies ist Teil 1/4 meiner Podcastreihe zu den Basics der Gewaltfreien Kommunikation. Zu den anderen Teilen geht’s hier: