— inkl. Podcastfolge #30 —
Ich freue mich, Teil 2 meines Interviews mit GfK-Trainer und Journalist Steffen Quasebarth mit dir zu teilen. Hier ging es weniger um Grundlagen und mehr um die echten Herausforderungen: Wo stößt Gewaltfreie Kommunikation an ihre Grenzen? Wo wird es unbequem? Und was verändert sich, wenn man die vier Schritte wirklich ernst nimmt?
Wir sprechen darüber,
✨ an welche unterschiedlichen Lern- und Erfahrungsgrenzen wir beide gestoßen sind, seitdem wir uns mit der Gewaltfreien Kommunikation beschäftigen und warum es sich dennoch – oder gerade bei den für uns schwierigen Themen – lohnt, sie zu erkunden,
✨ wann guter Rat zum „Rat-Schlag“ wird,
✨ wie die gewaltfreie Kommunikation Steffens Blick auf den Journalismus geprägt und verändert hat und
✨ wie die achtsame Kommunikation in der (journalistischen) Praxis angewandt werden kann.
Ich hoffe, du magst das Interview genauso sehr wie ich und kannst viele Erkenntnisse daraus mitnehmen.
▸ Teil 1 vom Interview mit Steffen Quasebarth – „Gewaltfreie Kommunikation: Vom Wissen zur echten Veränderung“ – findest du hier.
Hier kannst du das Original-Interview im Podcast anhören (A Peace of Language #30, erschienen am 21.07.2020):
🔗 Links & Infos zur Folge:
- Hier findest du Steffen und sein Team: Link zur Website quasebarth.de und Link zur Facebook-Seite
- Buch: „Wertschätzende Kommunikation im Business: Wer sich öffnet, kommt weiter. Wie Sie die Gewaltfreie Kommunikation im Berufsalltag nutzen“ von Beate Brüggemeier
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💬👉 Alle weiteren Folgen von „A Peace of Language“ und ähnlichen Inhalte findest du gesammelt hier: Archiv: Gewaltfreie Kommunikation & achtsame Sprache – alle Inhalte im Überblick
Wenn Empathie schwerfällt
Ich habe Steffen gefragt, wo er persönlich an Grenzen der achtsamen Kommunikation stößt. (Für mich war es die Erkenntnis, dass achtsam kommunizieren nicht einfach „nett sein“ bedeutet, sondern auch Klarheit, Abgrenzung und Aufrichtigkeit – ohne schlechtes Gewissen.)
Für ihn hingegen wird es besonders herausfordernd, wenn Menschen von schweren Schicksalsschlägen erzählen – etwa von massiven Problemen mit dem eigenen Kind, von Überforderung, von Hilflosigkeit.
Früher, sagt er, hätte er sofort nach einem klugen Ratschlag gesucht. Heute weiß er: Ungefragte Ratschläge helfen selten.
„Auf meiner einen Schulter sitzt der GFK-Sachkundige, der sagt: Ratschläge sind nicht dein Freund. Und auf der anderen der Helfer, der unbedingt etwas tun möchte.“
Zwischen diesen beiden Stimmen entsteht ein Spannungsfeld. Intellektuell ist klar, was zu tun wäre: Empathisch zuhören, Gefühle und Bedürfnisse erfragen. Doch wenn jemand weint oder seine ganze Not offenlegt, taucht plötzlich Unsicherheit auf. Darf ich jetzt wirklich fragen: „Bist du traurig? Fühlst du dich hilflos?“ Wirkt das nicht künstlich?
Diese Hemmung kennt er bis heute. Die Angst, „komische Fragen“ zu stellen. Und gleichzeitig die Ahnung, dass genau darin echte Verbindung liegen würde.
Ein Kollege gab ihm dazu einen wichtigen Impuls: Erst einmal die eigene Hilflosigkeit transparent machen. Sagen: „Ich merke, das macht gerade etwas mit mir. Ich weiß nicht sofort, was ich sagen soll.“ Nicht als Rückzug, sondern als ehrliche Rückmeldung.
Und letzlich macht genau das aufrichtige Kommunikation aus: nicht perfekt reagieren, sondern wahrhaftig.
Journalismus durch die GFK-Brille
Ein besonders spannender Teil unseres Gesprächs war die Frage, wie Gewaltfreie Kommunikation Steffens Arbeit als Journalist verändert hat. Er moderiert beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) – und betrachtet Nachrichten heute mit anderen Augen.
Schon der erste Schritt der GFK, die Beobachtung, hat seine Sicht erschüttert. Journalismus hat den Anspruch, möglichst objektiv zu berichten. Doch je tiefer er sich mit dem Beobachtungsbegriff beschäftigt hat, desto klarer wurde ihm: Absolute Objektivität gibt es nicht.
Allein die Auswahl eines Themas ist bereits eine Wertung. Die Entscheidung, welche Bilder gezeigt werden, welcher O-Ton gesendet wird, welcher Ausschnitt relevant erscheint – all das ist Gestaltung.
Diese Erkenntnis war zunächst ernüchternd. Heute sieht er sie differenzierter: Journalismus bleibt wichtig, aber sowohl Produzierende als auch Konsumierende sollten sich der subjektiven Färbung bewusst sein.
Auch der zweite Schritt, die Gefühle, spielt plötzlich eine Rolle. Wenn jemand im Interview sagt: „Ich fühle mich veräppelt“, ist das streng genommen kein Gefühl, sondern eine Bewertung. Die Frage wäre: Was liegt darunter? Wut? Enttäuschung? Ohnmacht?
Und bei den Bedürfnissen zeigt sich häufig, dass Konfliktparteien auf unterschiedlichen Strategien beharren, obwohl sie vielleicht dasselbe Grundbedürfnis teilen – etwa Sicherheit oder Anerkennung. Würde man diese Ebene sichtbar machen, könnten sich manche Spannungen schneller lösen.
Beim vierten Schritt schließlich, der Bitte, fällt ihm auf, wie selten echte Bitten formuliert werden. Oft sind es Forderungen – sprachlich weich verpackt, aber mit implizitem Druck.
Diese GFK-Brille macht seine Arbeit nicht einfacher, aber bewusster.
Ein einfacher Anfang
Zum Abschluss wollte ich von Steffen wissen: Was ist ein erster, sofort umsetzbarer Schritt für alle, die beginnen möchten, achtsamer zu kommunizieren?
Seine Antwort ist erstaunlich pragmatisch: Handy-Wecker stellen. Mehrmals am Tag erinnert ihn ein Signal daran, kurz innezuhalten, ein paar tiefe zu Atemzüge zu nehmen und sich die schlichte Frage zu stellen: Wie geht es mir gerade – jetzt in diesem Moment?
Manchmal sitzt er dafür auf einer Bank, manchmal bleibt er einfach stehen. Eine Minute reicht. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit. Der Körper lernt, wahrzunehmen. Gefühle werden klarer. Reaktionen bewusster.
Das ist kein spektakulärer Trick. Aber vielleicht beginnt genau hier die Veränderung: nicht im perfekten Gespräch, sondern im ehrlichen Innehalten.
Was aus beiden Teilen des Interviews für mich bleibt, ist diese Erkenntnis:
Gewaltfreie Kommunikation ist keine Technik, die man beherrscht. Sie ist ein Prozess, der uns immer wieder zu uns selbst zurückführt – in unsere Unsicherheit, unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse. Und genau dort entsteht echte Verbindung.
Wenn du noch neu in die Gewaltfreie Kommunikation einsteigst, schau dir hier gern die Grundlagenbeiträge an, in denen die vier Schritte einzeln erklärt werden:
- Teil 1: Bedürfnisse: das Herz der gewaltfreien Kommunikation (GFK Basics 1/4)
- Teil 2: Gefühle in der Gewaltfreien Kommunikation: Entdecke deine inneren Wegweiser (GFK Basics 2/4)
- Teil 3: Beobachten statt Bewerten: Wie du mit klarer Wahrnehmung Missverständnisse vermeidest (GFK Basics 3/4)
- Teil 4: Bitten statt fordern: Wie du mit Eigenverantwortung Konflikte achtsam löst (GFK Basics 4/4)