— inkl. Podcastfolge #19 —
Stille wirkt oft unscheinbar – dabei steckt in ihr eine große Kraft. In diesem Artikel erfährst du, wie wir mit Hilfe von Schweigen, Achtsamkeit und bewusster Wahrnehmung neue Ruhe in unsere Kommunikation bringen können. Drei Impulse, die dich stärken – innerlich und im Gespräch mit anderen.
Hier kannst du die passende Podcast-Folge anhören (A Peace of Language #19, erschienen am 25.02.2020):
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💬👉 Alle weiteren Folgen von „A Peace of Language“ und ähnlichen Inhalte findest du gesammelt hier: Archiv: Gewaltfreie Kommunikation & achtsame Sprache – alle Inhalte im Überblick
Vielleicht kennst du das auch: Der Alltag ist laut, Gespräche sind voll von Meinungen, Informationen, Reaktionen – und manchmal wünschst du dir einfach nur eins: Ruhe. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Raum, in dem du einfach du sein kannst – ohne gleich antworten oder dich erklären zu müssen.
In diesem Blogartikel geht es genau darum: Wie du durch bewusste Stille nicht nur innere Ruhe finden kannst, sondern auch eine tiefere, ehrlichere Kommunikation.
Kommunikation ist mehr als Worte
Kommunikation besteht nicht nur aus dem, was wir sagen. Sondern auch aus dem, was bei uns im Kopf, im Herz und im Bauch los ist – während wir sprechen, aber auch davor und danach.
Da sind Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse – all das gehört genauso zur Kommunikation wie das, was wir nach außen tragen. Ich stelle mir Kommunikation deshalb gern wie einen Eisberg vor. Oben an der Oberfläche sehen wir Worte, Gesten, Handlungen – doch der viel größere Teil liegt unter Wasser: das, was wir fühlen, was uns bewegt, was wir oft gar nicht direkt mitteilen können. (Auch das Modell der 5 Hüllen aus der Yoga-Tradition beschreibt das hilfreich.)

Und genau in diesem unsichtbaren Unterwasser-Teil der Kommunikation spielt die Stille eine große Rolle. Sie schenkt uns Orientierung, Klarheit und Tiefe – wenn wir sie bewusst nutzen. Wie das gelingen kann, zeige ich dir mit drei Impulsen, die dich dabei unterstützen, mehr Ruhe, Achtsamkeit und echte Verbindung in deine Kommunikation zu bringen.
Impuls 1: Die drei Siebe – Wahr, gut, notwendig?
Der erste Impuls ist verpackt in einer Geschichte, die ich sehr hilfreich finde – und die du vielleicht schon kennst: die Geschichte von den drei Sieben des Sokrates.
Ein Mann kommt zu Sokrates und sagt: „Ich muss dir etwas erzählen!“ Doch Sokrates fragt: „Hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“
Der Mann ist überrascht: „Welche drei Siebe?“
Sokrates erklärt:
Das erste Sieb ist die Wahrheit. Ist das, was du sagen willst, wahr?
Der Mann überlegt. „Nein, ich habe es nur gehört…“
Sokrates fragt weiter: „Dann ist es sicher durch das zweite Sieb gegangen – das der Güte? Ist es gut, was du mir erzählen willst?“
Der Mann schüttelt den Kopf. „Ehrlich gesagt – eher nicht.“
Sokrates fährt fort: „Dann bleibt noch das dritte Sieb – die Notwendigkeit. Ist es notwendig, dass du mir das erzählst?“
Der Mann verneint erneut.
Und Sokrates antwortet: „Wenn es weder wahr, noch gut, noch notwendig ist – dann lass es los. Es belastet dich und mich.“
Ich finde, diese drei Siebe sind ein guter Kompass – nicht nur für das, was wir anderen sagen wollen, sondern auch für das, was in unserem Kopf herumkreist. Sie helfen uns, bewusster mit unseren Worten umzugehen. Denn nicht alles, was gedacht wird, muss auch gesagt werden. Und nicht alles, was gesagt wird, bringt wirklich etwas in die Welt.
Probier es doch mal aus: Nimm dir ein oder zwei Tage, in denen du ganz bewusst vor dem Sprechen innehältst und dich fragst – Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?
Vielleicht bemerkst du, wie sich dadurch die Qualität deiner Kommunikation verändert. Klatsch, Lästereien, kleine Lügen, impulsive Reaktionen – vieles davon fällt durch die Siebe. Und was bleibt, ist oft klarer, ruhiger und echter.
Manchmal ist Schweigen einfach die beste Form der Kommunikation. Und genau dafür dürfen wir uns auch entscheiden.
Impuls 2: Zeit zum Antworten – die innere Pausentaste
Während sich der erste Impuls auf das bezieht, was wir aussprechen oder für uns behalten, richtet sich der zweite darauf, wie wir im Austausch mit anderen reagieren.
Denn auch hier haben wir eine Wahl: Muss ich sofort antworten? Muss ich gleich reagieren? Ich glaube nicht.
Stell dir vor, du drückst innerlich auf eine kleine Pausentaste. Du musst nicht sofort losreden. Du darfst sagen: „Ich brauche einen Moment.“ Oder: „Ich antworte dir später, wenn ich mir darüber klar bin.“
Auch ein kleiner körperlicher Anker kann helfen: Lehn dich einen Moment zurück – vielleicht nur einen oder zwei Zentimeter. Spür den Stuhl, den Boden unter den Füßen. Nimm wahr, wie dein Atem fließt.
So entsteht etwas mehr Raum zwischen Reiz und Reaktion. Und in diesem Raum können wir nach innen lauschen:
- Was ist gerade in mir los?
- Was fühle ich?
- Was brauche ich?
Ich glaube, es verändert etwas in unserem Miteinander, wenn wir erst dann – wenn wir wieder bei uns gelandet sind – antworten. Auch diese kleine Form von Stille kann unsere Kommunikation bewusster, ruhiger und ehrlicher machen.
Impuls 3: Die Welt ohne Worte wahrnehmen
Der dritte Impuls klingt vielleicht ungewohnt – ist aber kraftvoll, um eine tiefere Verbindung zu uns selbst aufzubauen: Nimm die Welt einmal ohne Worte wahr.
Was meine ich damit? Unser Gehirn ist darauf trainiert, alles zu benennen: Baum, Haus, Auto, Mikrofon, Bildschirm. Das gibt uns Sicherheit – und erfüllt unser Bedürfnis nach Ordnung. Aber es entfernt uns auch von der unmittelbaren Wahrnehmung. Denn mit jedem Wort, das wir einer Sache zuweisen, stecken wir sie in eine Schublade.
Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti hat dazu etwas Interessantes gesagt: „You are a slave to words… Can you observe the tree without the word?“ Was er damit meint: Wir sind Sklaven der Worte. Unser Geist funktioniert mit Worten. Er hält uns ein, einfach zu beobachten, ohne das Wort. Zum Beispiel einen Baum zu beobachten – ohne das Wort ‚Baum‘ im Kopf zu haben.
Diese Idee finde ich faszinierend. Was passiert, wenn wir uns mal darauf einlassen, etwas zu beobachten, ohne es zu benennen? Einfach nur zu schauen und wahrzunehmen. Ohne sofort zu denken: Das ist ein Sonnenuntergang. Oder: Das ist eine Frau. Oder: Das ist ein Geräusch. Oder: Das finde ich gut oder blöd.
Sondern uns zu fragen: Wie fühlt es sich an? Welche Stimmung bringt es mit? Welche Qualität hat das, was ich da gerade sehe, höre, erlebe?
Das ist am Anfang ungewohnt, ja. Aber es führt raus aus dem Kopf – rein ins Herz und in den Bauch. In die Intuition und die echte Wahrnehmung. Und damit auch wieder zurück in eine viel wahrhaftigere Kommunikation – mit uns und anderen.
Mir fällt das besonders leicht in der Natur. Beim Sonnenuntergang. Am Wasser. Oder auf Konzerten, wenn ich einfach nur die Musik spüre, ohne nachzudenken. Vielleicht kennst du auch solche Momente – in denen du nicht denkst, sondern einfach ganz direkt wahrnimmst?
Fazit: Stille als Weg zu innerer Ruhe und klarer Kommunikation
Diese drei Impulse – die drei Siebe, die innere Pausentaste und das wortlose Wahrnehmen – sind wie kleine Wegweiser, mit denen wir Schritt für Schritt zu mehr innerer Ruhe finden können. Nicht durch Rückzug, sondern durch bewusstere Entscheidung und Wahrnehmung.
Denn Stille ist kein Rückschritt. Sie ist ein Ausdruck von Achtsamkeit. Und Schweigen ist keine Schwäche, sondern kann ein wertvolles Geschenk sein – an dich und andere.
Vielleicht magst du einen oder mehrere dieser Wegweiser einmal ausprobieren oder sogar in deinen Alltag übernehmen?