Neulich bin ich über ein Satsang-Video gestolpert. Das ist ein Treffen von Menschen, die zusammenkommen, um innere Stille, Weisheit und spirituelle Klarheit zu erfahren und stammt aus dem Hinduismus. Jemand sitzt vorn, Menschen melden sich, stellen Fragen, bekommen Aufmerksamkeit, Ruhe und Zeit.
Ich stehe ja solchen Gruppen mit spirituellen Gurus und selbsternannten „Erleuchteten“ wie diesem Mann (seine eigene Zuschreibung) eher skeptisch gegenüber. Doch dieses Video fand ich überraschend angenehm, entschleunigend und entspannend.
Für einen Moment dachte ich: Wäre es nicht schön, wenn soziale Begegnungen öfter so wären? So viel Geduld. So viel Ruhe. So viel Raum für jede einzelne Stimme.
Nö, meldete sich dann aber etwas leise in mir. Irgendwas ist hier auch komisch.
Erstens: Ich konnte einfach zuschauen – es war eine Zoom-Aufzeichnung, öffentlich geteilt auf YouTube, ohne geschütztes Setting (zum Beispiel gibt es ja bei Zoom auch die Möglichkeit, dass nur der Gruppenleiter in der Aufnahme erscheint und nicht die Fragesteller und anderen Teilnehmer). Zweitens: Die Fragen und den Austausch empfand ich als sehr theoretisch, sehr kopflastig kreisend, mit wenig Alltagsbezug. Drittens: Es ging immer wieder um das „wahre Sein“, frei von Anhaftungen.
Und irgendwann wurde mir klar: Das was ich hier sehe, ist das, was ich bisher nur als philosophische Theorie in meiner Yogalehrerausbildung kennengelernt hatte – live (naja, nicht ganz) und in Farbe!

Zwei Wege, mit dem Leben umzugehen
In der Yogaphilosophie gibt es grundverschiedene Strömungen: eine davon (sie heißt Advaita Vedānta) geht davon aus, wir könnten nur frei werden, wenn wir uns ganz von der Welt zurückziehen, und unsere Gedanken, Gefühle, Sinnes- und Körpereindrücke seien nur Ablenkung von unserem eigentlichen Sein und letztlich eine Illusion.
Mir fiel dazu direkt ein Lied ein, das ich während meiner Yogaausbildung kennengelernt hatte. Es klingt wunderschön, aber der Text hat mich schon immer etwas stutzig werden lassen und nie ganz „abgeholt“.
Der deutsche Textteil (ab Min. 2:40) lautet:
Du bist für immer rein
Du bist für immer wahr
Und der Traum dieser
Welt kann dich nicht berühr’n
Vergiss die Abhängigkeit
Vergiss die Verwirrung
Und flieg zu dem
Ort jenseits aller Illusion
Das klingt ja erstmal nicht so verkehrt, oder? Irgednwie befreiend.
Wenn man es aber konsequent weiterdenkt und sein ganzes Weltbild danach ausrichtet (wie die Menschen in solchen Gruppen), dann nimmt man eine vollkommen weltabgewandte, realitätsferne Perspektive ein.
Das mag vor über 2000 Jahren, unter den damaligen Lebensumständen in Indien, seine Berechtigung gehabt haben. Aber es ist merkwürdig, Menschen heute via YouTube dabei zuzusehen, wie sie behaupten, dass sie und alles um sie herum in Wahrheit nicht existierten – und das meist ohne den jahrelangen Übungsweg, den die alte Lehre eigentlich voraussetzt. Genau das kritisieren übrigens auch viele traditionelle Vedānta-Lehrer an der modernen Satsang-Szene: das fehlende Fundament.

Weiterentwicklung mitten im Leben und mitten im Körper
Ich bin rückblickend sehr froh, dass ich damals in einer Yoga-Ausbildungsschule gelandet bin, die sich einem körper- und auch vernunftbasierten Weg verschrieben hat. Denn ich könnte mir vorstellen, dass ich auch für die Lehren des Advaita Vedānta empfänglich gewesen wäre und mich womöglich darin verirrt hätte. So lernte ich zum Glück, nicht vor der Welt zu fliehen, sondern mich mitten im Alltag, in echten Begegnungen, im eigenen Körper weiterzuentwickeln.
Nicht, weil Rückzug und Stille falsch wären. Auch wir hatten eine tiefgehende und vielfältige Meditationspraxis, ich nahm sogar mehrere Jahre in Folge an der ausbildungsinternen Meditationswoche teil, eingebettet in Bewegung, Austausch und Gemeinschaft. Es ging um innere Einkehr und Selbstbegegnung in einem sicher begleiteten Setting, nicht darum, die reale Welt mit ihren Herausforderungen wegzumeditieren.
Satsang: Auflösung und Loslassen als Befreiung
Hier setzt meine eigentliche Sorge an.
Formate wie Satsang zielen oft auf Auflösung des Ich ab, auf ein Loslassen von allem, was uns vermeintlich festhält.
Es geht viel darum, dass es unser Ich eigentlich gar nicht gibt, dass unser Körper, unsere Gefühle, Gedanken und inneren Zuschreibungen (ich bin eine Frau, ich bin x Jahre alt, ich bin …) in Wahrheit nicht existieren.
Das kann für manche Menschen erleichternd sein. Für andere kann es das Gegenteil bewirken. Und das sehe ich als potenzielle Gefahr.
Ich will Satsang und die Idee der Nichtdualität damit nicht pauschal verurteilen. Der Satsang-Leiter im besagten Video hat in seiner Sitzung selbst dazu angeleitet, den Boden zu spüren und seiner Website konnte ich entnehmen, dass er selbst zusätzlich in körperorientierten Methoden ausgebildet ist. Es gibt also durchaus Lehrer, die das mit Bodenhaftung und Feingefühl vermitteln.
Aber es gibt eben auch andere, die zu ihren Schülern Sätze sagen wie:
- „Nichts davon ist wahr“,
- „Das ist alles nur in deiner Vorstellung“,
- „Es gibt niemanden, der leidet“,
- „Das was du bist, braucht das nicht verstehen, es ist weder da noch nicht da…“,
Oder, mein Negativ-Favorit:
„Ich weiß nicht, warum du so dumm bist und denkst, du bist geboren.“
Und wenn ich mich da reinspüre, zieht sich in mir alles zusammen und in meinem Kopf bildet sich ein Knoten.
Satsang: Flucht und Gleichgültigkeit?
Ich nehme das als eine tiefe Fluchtbewegung vor dem Leben wahr, getarnt als spirituelle Weisheit und Befreiung.
Alles ist nichts, alles ist gleichgültig. Alle schwimmen in der selben Suppe aus „nichts“. Als würde sich ein Kind die Ohren zuhalten und sagen: „Lalala, ich kann euch nicht hören.“
Dazu kommt ein Mechanismus, der mir in solchen Kontexten oft begegnet: Jede Form von Kritik lässt sich als „das kommt aus deinem Ego“ abtun. Es wirkt auf mich wie ein gruseliges Spiegelkabinett, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. Wer widerspricht, bestätigt scheinbar nur, wie sehr er noch verstrickt ist.
Stabilität und Halt statt Auflösung und Verstrickung
Das Problem daran ist für mich, dass ja vor allem Menschen, die ohnehin schon innerlich auf wackeligen Beinen stehen, nach solchen Angeboten suchen.
Und gerade in solchen sensiblen Phasen braucht man nicht noch mehr Ich-Auflösung. Nicht mehr Überzeugung, dass es mich (und meine Mitmenschen) in Wahrheit gar nicht gibt, sondern das Gegenteil: Mehr tragenden Boden unter den Füßen.
Ich bin hier.
Die Erde trägt mich.
Wenn ich mich umschaue, kann ich meine Umgebung erkennen, meinen Raum, meine Mitmenschen.
Ich bin wirklich hier. Und ich bin sicher.

Was ich selbst gelernt habe
Ich schreibe das nicht rein theoretisch. Auf meinem eigenen Weg der Entwicklung und Traumaintegration bin ich mehrmals frühen inneren Anteilen begegnet, die eigentlich gar nicht hier sein wollten. Die ein großes Nein zum Leben in sich trugen, zum Menschsein selbst.
Inzwischen ist viel wohltuende Entwicklung passiert und geschieht noch immer. Durch die tiefe Erfahrung, dass diese frühkindlichen Anteile gehalten, auf Seelenebene wahrgenommen und willkommen geheißen wurden, so wie sie es gebraucht haben und noch brauchen. Es geht nicht darum, die damit verbundenen Erfahrungen aufzulösen oder wegzuerklären, sondern sie willkommen zu heißen und behutsam in die sichere Gegenwart zu begleiten.
Genau hier schließt sich für mich der Kreis zu den Satsangs. Denn was dort angesprochen wird, ist ja nicht falsch: Die unsterbliche Seele, das, was von uns bleibt, unabhängig von den Umständen – die gibt es.
Aber was dort nicht benannt wird, ist, dass es auf dieser Seelenebene auch den tiefsten Schmerz, das tiefste Nein zum Leben, zum Menschsein, zu all dem Schweren, das ein Leben mit sich bringt, geben kann.
Denn es kann für uns ganz zu Beginn unseres Lebens zutiefst schmerzhaft sein, wenn wir nicht auf dieser Ebene wahrgenommen und willkommen geheißen werden. Und zu behaupten, aller Schmerz sei bloß eine Illusion, ist für mich keine Erkenntnis oder gar Erleuchtung, sondern Verdrängung von diesem Urschmerz.
Ich plädiere fürs Ja zum Nein. Dafür, die zutiefst verletzten, verschlossenen Anteile in uns ganz einfach zu hören, wahr- und ernstzunehmen, willkommenzuheißen.

Halt finden und in der Gegenwart landen
Diese heilsame Entwicklung passiert nicht im Kopf und in weitschweifigen Theorien, denn die ganz jungen Anteile in uns können mit so etwas noch überhaupt nichts anfangen. Wenn sie sich zeigen, brauchen sie spürbaren Halt, echte Verbindung und tiefe Resonanz mit einem liebevollen Gegenüber und hilfreichen Ressourcen. Wie Kinder eben. Ihnen hilft nicht die Vorstellung, das alles sei ohnehin nur eine Illusion.
Dabei helfen ganz unspektakuläre Schritte: den Boden unter den Füßen spüren. Mich umschauen, wirklich hinsehen, was gerade um mich herum ist. Mich am Rhythmus der Jahreszeiten orientieren. Nicht an einem Konzept von Zeitlosigkeit, sondern an dem, was gerade blüht und wächst, wie das Licht gerade aussieht, welche Temperatur die Luft hat. Die Verbindung zur echten Welt.
In so einem sicheren Setting kann man ruhig schauen, was sich zeigt (ohne in der Vergangenheit zu graben). Der Körper und das Nervensystem geben ihre gespeicherten, nicht verarbeiteten Erinnerungen von Erschöpfung, Erstarrung, Einsamkeit oder Unruhe nach und nach frei.
Sicher eingebettet können wir dem alten Schmerz begegnen, der noch im System gespeichert ist. Nicht, indem wir dorthin zurückkehren wo er entstanden ist. Sondern in dem wir neue Geborgenheit, neuen Schutz, neuen Halt und neue Verbundenheit annehmen, die uns damals möglicherweise gefehlt haben. Und die verletzten Anteile zu uns in die Gegenwart holen.

Endlich ankommen
Im Grunde sind es die immer gleichen Zutaten, die am Anfang unseres Lebens fehlten und die wir jetzt, oft Jahrzehnte später, nachholen dürfen:
Gehalten werden. Menschliche Wärme und Nähe. Geschützt und genährt sein. Willkommen geheißen und liebevoll wahrgenommen werden, genau so, wie man ist. Ich glaube, das sind die eigentlichen Ziele und tiefen Bedürfnisse vieler spirituell Suchender.
Und ich vermute, dass das auch ein Ausdruck vom „wahren Sein“ ist, von dem im Satsang immer wieder gesprochen wird: ein rundum versorgtes inneres Baby, ein friedlich in sich ruhender innerer Embryo. Denn wenn wir diese Ebenen in uns nachnähren, dann wirkt sich das auf unser ganzes Leben aus.
Wenn unsere frühen Anteile erleben dürfen, dass sie willkommen, gehalten und geschützt sind – dass da jemand ist, der bleibt –, beginnt unser inneres Ökosystem sich zu regenerieren. Und das verändert nicht nur ein Symptom, sondern stabilisiert nach und nach unser gesamtes inneres Fundament.
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Übrigens: 2018 habe ich einen Text über meine intensive Vipassana-Erfahrung (10 Tage Schweigen und Meditieren) geschrieben – und acht Jahre später um meine heutige traumasensible Sicht ergänzt. Wenn dich das interessiert, gelangst du hier zum Text: Vipassana aus traumasensibler Sicht: Warum ich es heute nicht mehr empfehlen würde