Der Herbst lädt ein, innezuhalten – und wahrzunehmen, was im Laufe des Jahres gewachsen ist, was sich löst und was bleiben darf. Drei Einladungen für einen bewussteren Alltag und ein neues Ankommen bei dir selbst.
Der Oktober ist da. Und ich denke mir gerade: Wo ist die Zeit hin? Drei Viertel des Jahres sind wie im Flug vorbeigerauscht – und in den Supermärkten kann man schon seit einer Weile wieder Weihnachtssachen kaufen. Ich glaube nicht, dass es nur mir so geht. Und habe mich gefragt: Woran liegt das, dass uns die Zeit immer wieder zu entgleiten scheint?
Und dann kam eine Frage in mir auf: Wann habe ich das letzte Mal im Alltag wirklich angehalten? Nicht im Urlaub oder nach einem anstrengenden Jahr. Sondern jetzt, mittendrin – an einer dieser kleinen Schwellen, die wir normalerweise einfach übergehen: nach dem Aufwachen, vor dem Essen, am Ende eines Gesprächs, beim Übergang von Arbeit zu Feierabend.
Und klar. Als Yogalehrerin und traumasensible Begleiterin versuche ich mir schon regelmäßig Zeit zu nehmen zum achtsamen Bewegen, Innehalten, bei mir ankommen. Aber sonst, am Rest des Tages?

Vielleicht kennst du es auch von dir, dass du ein Gespräch beendest und gedanklich längst im nächsten Termin bist. Dass du die Zähne putzt und nebenbei etwas aufräumst. Oder isst, während du schon an das Nächste denkst. Ich kenne es jedenfalls von mir. Dazwischen gibt es selten einen Übergang – nur einen nahtlosen Wechsel von einem Zustand in den nächsten.
Der Herbst lädt uns gerade ein, das zu ändern. Nicht durch Druck oder Disziplin – sondern weil die Natur es uns einfach vormacht. Drei Einladungen, die ich besonders schön finde:
Zur Ruhe kommen
So wie die Blätter langsam zu Boden sinken, lädt uns der Herbst ein, langsamer zu werden. Wir können beobachten, wie sich die Natur immer mehr zurückzieht – und es ihr gleichtun.
Nach einem kraftvollen Sommer dürfen wir wieder mehr zur Ruhe kommen – und wahrnehmen, dass es dabei nichts zu tun gibt. Die Natur hat ihren ureigenen Rhythmus. Und wir dürfen uns daran anlehnen.
Es wird Herbst – und wir können uns einklinken in dieses Langsamwerden und In-die-Ruhe-Kehren.
Lehn dich an. Spüre den Stuhl unter dir, die Lehne in deinem Rücken. Mit jedem Ausatem lass dich sinken, vielleicht auch mit einem Seufzer.
Es gibt nichts weiter zu tun.
Das Jahr geht langsam zu Ende. Du darfst zur Ruhe kommen.
Manchmal fällt uns das leicht, manchmal nicht – weil gerade mehr in uns los ist, als wir greifen können. Dann darf auch das Weiterschalten, das innere Rasen, das Nicht-zur-Ruhe-kommen und Immer-weiter-Gehen eine vorübergehende Ressource sein. Etwas, das uns Halt gibt, bis die Wogen sich glätten. Und wenn sie sich glätten, können wir schauen: Was suche ich hier eigentlich? Halt, Ruhe, Geborgenheit, Sicherheit – und wie finde ich mehr davon auf eine Weise, die mir wirklich gut tut?

Die Ernte wahrnehmen
Jetzt ist Erntezeit. Wir dürfen innehalten, uns in Ruhe umschauen und wahrnehmen, was alles gereift ist im Laufe des Jahres.
Manchmal ist das gar nicht so leicht. Oft sind wir so mit dem beschäftigt, was wir noch vorhaben oder was nicht so gut gelaufen ist, dass wir an dem vorbeischauen, was wirklich gewachsen ist. Der Herbst lädt uns ein, den Fokus zu verschieben.
Es tut gut, das Neue wahrzunehmen und damit zu sein. So wie in den Kirchen das Erntedankfest gefeiert wird, können wir auch in unserem eigenen Leben würdigen und wertschätzen, was sich gut entwickelt hat. Was ist es bei dir?
Loslassen, was reif ist
Genauso heilsam wie Neues anzunehmen kann es sein, Altes gehen zu lassen. Nicht mit Druck oder Hauruck – sondern so wie die Bäume ihre Blätter loslassen. Wir können uns fragen: Was fühlt sich nicht mehr stimmig und lebendig in meinem Leben an? Was ist einfach reif, sich zu lösen?
Auch damit dürfen wir atmen – und ausatmend loslassen, was nicht mehr zu uns gehört. Lass es sinken.

Der Rhythmus des Lebens
Diese drei Bewegungen – zur Ruhe kommen, würdigen, loslassen – tauchen immer wieder auf. Nach einem Projekt, das abgeschlossen ist. Nach einer Beziehung, die sich auflöst. Nach einem Lebensabschnitt, der zu Ende geht. Unser Nervensystem braucht diesen Übergang, um das Erlebte wirklich zu integrieren – egal wie groß oder klein der Abschnitt war, der gerade endet.
Auch in meiner traumasensiblen Arbeit ist das eine wichtige Grundlage: Ein guter Rhythmus aus Anspannung und Pause, das Pendeln vom Herausfordernden (der alten Schwere, den unangenehmen Gefühlen, den scheinbar unüberwindbaren Blockaden) hin zum Angenehmen (dem Halt der Lehne im Rücken, dem Blick aus dem Fenster, eine wohltuende Ressource, gemeinsam lachen).
Und dazu gehört auch eine bewusste Einstimmung am Anfang und ein ruhiger Übergang zurück in den Alltag am Ende, bei dem wir nochmal zurückschauen auf das, was sich lösen, verwandeln und vollständig werden konnte. Ein Innehalten, wie es der Herbst uns gerade vormacht.
Wie geht es dir mit dem Herbst – und gibt es eine der drei Einladungen, die dich gerade besonders anspricht?