Es ist zu laut, zu schnell, zu viel gerade – hast du das in letzter Zeit mal gedacht? Ich ziemlich oft. Und gleichzeitig gibt es da diese Sehnsucht nach Ruhe, nach einem Moment des Aufatmens. Wohin wenden wir unseren Blick, wenn so viel in der Welt durcheinander wirbelt?
Der leise Lärm in der Luft
Neulich bin ich in ein „Rabbithole“ bei YouTube geraten. Ich habe ein Thema verfolgt, das mich interessierte, habe immer weitere Videos dazu angeschaut, viele weitere wurden mir vorgeschlagen – und irgendwann war es zu viel. Zu viele Infos und Schlagzeilen, Clickbait-Titel, tausende Meinungen, immer mehr KI-Grafiken… einfach alles zu viel, zu schrill, zu künstlich. Und ich merke das immer wieder: Es gibt so viele Infos überall, Hiobsbotschaften, Nachrichtenwirbel. Epstein, Iran, Ukrainekrieg, Attentate … die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Da liegt so ein Lärm in der Luft gerade, ich nehme ihn fast als hohes Sirren und Schwirren wahr. Eine Dauerüberreizung, die bei vielen Menschen zu Gedankenspiralen und Katastrophendenken führt, und das Gefühl, die Realität nicht mehr verstehen und einordnen zu können. Wir kommen nicht mehr mit.
Gleichzeitig bemerkte ich eine große Sehnsucht nach Ruhe in mir, nach Bei-mir-Ankommen, nach einem Ort, an dem alles einen Moment pausiert. Und ich habe mich gefragt:
Wohin geht diese Reise? Was gibt uns noch Halt? Wohin sollen wir uns wenden, wonach ausrichten, wo doch alles immer schneller durcheinander wirbelt und zu zerfallen scheint?
Die Stille und Klarheit über den Wolken
Irgendwann habe ich mich dann an ein Foto erinnert, das ich vor vielen Jahren gemacht habe, als ich nach meinem Auslandssemester aus Irland zurück nach Hause geflogen bin. Kurz vor Weihnachten war das, und gerade ging die Sonne über der Wolkendecke auf, die wie ein Meer aus Watte unter uns lag. Der Himmel war strahlend blau, die Sicht klar:

Und seitdem begleitet mich diese Impression: Es gibt noch etwas über der grauen Wolkendecke. Und ich kann mich mit meiner Wahrnehmung dorthin orientieren. Nicht weg von der Erde oder raus aus der Realität beamen – aber immer wieder den Blick aus diesem ganzen Gewusel herausheben. Und die Ruhe wahrnehmen, die auch da ist. Die Präsenz, die Klarheit, das Licht. Das lässt mich aufatmen.
Das ist gerade meine Übung: mich immer wieder dorthin zu wenden. Mich nicht von diesem ganzen schrillen Gewirbel ablenken lassen von dem, was wirklich wichtig ist.
Denn es gibt Kräfte, die von genau diesem „All over the Place“-Zustand in uns profitieren. Angst und Überreizung machen uns steuerbar und das nutzen unter anderem Algorithmen, Medien und Interessengruppen. Ich denke, das muss man nicht ausführlich analysieren, um es zu spüren.
Das Tückische daran: Ein dauerhaft überreiztes Nervensystem gewöhnt sich an diesen Zustand. Das Ruhigere, Klarere wirkt dann fast langweilig – zu wenig Stimulation, zu wenig Dringlichkeit. Der Lärm wird zur haltgebenden Normalität. Und das macht es oft so schwer, einfach aufzuhören.
Rauszoomen aus dem Nachrichtenwirbel
Schon meinen GFK-Lehrer, damals noch TV-Journalist, habe ich mal gefragt, wie er das macht: informiert bleiben, aber nicht im täglichen Klein-Klein der News versinken. Minütliche Polizeimeldungen, Drama aus aller Welt – das hält uns nunmal im Habacht-Modus. Und es ist nicht normal, die ganze Welt im Wohnzimmer oder durch das Smartphone in der Hosentasche zu haben (auch wenn wir uns vielleicht daran gewöhnt haben). Seine Antwort war: Inhalte konsumieren, die einen langfristigen Überblick über eine Entwicklung geben. Rauszoomen quasi, und langsamer machen.
Ich fand das sehr hilfreich. Sich mehr auf die großen Rhythmen besinnen und die hektische Newsflut beiseite lassen – das ganz Wichtige erreicht mich sowieso irgendwie. Im Grunde ist das genau dieser ruhige Blick über die Wolkendecke.
Gerade in sensibleren, zurückgezogeneren Phasen habe ich gemerkt, wie gut mir das tut. Den Anspruch, perfekt informiert zu sein, loszulassen. Und zu spüren: Es verändert sich dadurch überhaupt nichts in meinem unmittelbaren Erleben. Es entspannt mich.

Weitere einfache Schritte in die Ruhe
Wenn der Sog dann doch wieder kommt – wenn Nachrichten, Kommentare, das kollektive, mentale Rauschen einen erfassen und unter die Wolkendecke ziehen –, helfen mir ganz unscheinbare, körpernahe Schritte, um wieder bei mir anzukommen.
Den Boden unter den Füßen spüren, die Stabilität und den unmittelbaren Halt vom Stuhl, Sofa, etc. wahrnehmen. Mich behutsam in der Gegenwart orientieren: Was sehe ich? Was höre ich? Was ist gerade wirklich da?
Auch Co-Regulation, die beruhigende Wirkung, die ein entspanntes Gegenüber auf unser Nervensystem hat, ist eine wirksame Ressourcen: Wer oder was hält mich gerade? Das können Menschen sein, aber auch ein warmer Tee, eine Decke, ein Spaziergang, irgendetwas das dem Nervensystem signalisiert: Hier ist es gut.
Auch von Serien oder Filmen kann man sich manchmal entschleunigen lassen. Ich mag zum Beispiel die Gilmore Girls als gemütliche Serie zum Zurücklehnen. Auch wenn die Serie aus den frühen 2000ern für ihre schnellen Dialoge bekannt ist, merkt man doch, dass das ganze Feeling langsamer und ruhiger ist. Man kann deutlich spüren: Das war eine völlig andere Zeit. Gemächlicher irgendwie, stabiler. Die allerersten Handys gab es da gerade, zum Aufklappen, ohne Internet, ohne Social Media, ohne Dauerpräsenz. Und nein, ich will nicht in diese Zeit zurück und behaupte, dass damals alles besser war. Aber ab und zu anlehnen an diese „gute alte Zeit“ darf man sich.
Und manchmal helfen kleine Bewegungen mehr als jeder Gedanke und jede Sorge – die Schultern rollen, den Kiefer lockern, den Oberkörper hin- und herwiegen oder einfach intuitiv den Impulsen des Körpers folgen (das geht auch beim Serie schauen gut).

Jenseits vom Lärm liegt die Stille
Vor allem aber ist dieser regelmäßige Blick – im übertragenen Sinne hinauf über die Wolken – so wichtig. Um zu spüren, dass es etwas gibt, das uns zuverlässig trägt und begleitet. Das immer da ist und unsere Last mit uns trägt. Das nicht wild durcheinanderwirbelt. (Davon handelt auch dieser Blogartikel, der mir besonders am Herzen liegt: Anlehnen statt funktionieren: Ein Weg zu neuem inneren Frieden (mit Meditation))
Das Alte macht viel Lärm beim Sterben, während sich still und leise neue Wege auftun. Denn wenn ich mich dorthin wende, zu dieser tiefen Stille unter allem Lärm, dann kann ich es bereits wahrnehmen.
Da ist dieser unscheinbare, ruhige Frieden, der einfach da ist, während sich das große Ganze nach und nach ordnet, neu sortiert und formt.
Kannst du auch kleine Funken davon spüren?

Wenn das kollektive Nervensystem aufatmet
Unser Nervensystem kann lernen, in einem weiteren inneren Raum zu bleiben – auch wenn die Umgebung laut ist. Durch neuen verlässlichen Halt und neue innere Sicherheit, die wir auch nachholen können, wenn sie uns fehlt (das ist ein Bereich meiner Arbeit).
Und wir können lernen, immer besser zu unterscheiden und weise zu wählen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten. Uns an dem zu orientieren, was sich klar, ruhig, geordnet, unaufgeregt und natürlich anfühlt – statt an dem, was schrill, aufgedreht, dringend, panisch oder blechern daherkommt.
Diese innere Orientierung macht auch etwas mit unserem kollektiven Nervensystem.
Wenn immer mehr Menschen aus ihrer gut verankerten und verbundenen Mitte heraus Entscheidungen treffen, handeln, sich informieren und ihre Schritte gehen – statt aus Angst, Erstarrung und wilden Gedankenspiralen – bringt das eine neue Ruhe, Gelassenheit und Kraft in unsere Gesellschaft.
Den alten Zerrbildern, Macht- und Angstspielen wird nach und nach die Kraft entzogen. Wir können wieder freier atmen. Und nebeneinander existieren immer mehr friedliche, unaufgeregte Ökosysteme, die sich gegenseitig co-regulieren – und das kollektive Nervensystem aufatmen lassen.