Online-Meetings gehören für viele von uns längst zum Alltag – und fühlen sich dennoch oft anstrengend an. Warum das so ist und wie kleine, nervensystemfreundliche Anpassungen helfen können, darin mehr Erdung, innere Ruhe und entspannte Verbindung zu erleben, beschreibe ich in diesem Artikel.
Online-Meetings können auf eine sehr spezifische Weise anstrengend sein – so anstrengend, dass es dafür inzwischen einen eigenen Begriff gibt: Zoom-Fatigue. Es ist eine besondere Form von Erschöpfung nach Videocalls, die sich nicht nur im Kopf zeigt, sondern im ganzen Körper. Müde Augen, Spannung im Nacken, innere Unruhe oder das Gefühl, „nicht ganz da“ zu sein.
Das liegt nicht daran, dass wir uns nicht genug bemühen oder noch an unserem Mindset arbeiten müssten – auch wenn uns so etwas oft suggeriert wird. Es liegt daran, dass unser Nervensystem hier mit einer Situation konfrontiert ist, für die es ursprünglich nicht gemacht wurde.
Warum Zoom für unser Nervensystem herausfordernd ist
Nicht Zoom an sich ist das Problem, sondern wie wenig unser Nervensystem bisher mitgedacht wird – gerade im beruflichen Kontext. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns anschauen, wie Begegnung in einem echten Raum normalerweise abläuft: Manche Menschen sitzen neben uns, andere uns gegenüber, einige weiter weg. Wir wählen oft intuitiv, wo wir Platz nehmen und neben wem wir uns wohler fühlen. Vielleicht tauschen wir mit der Person neben uns ein paar leise Worte aus, lächeln jemandem gegenüber kurz zu oder lassen den Blick durch den Raum wandern.
Im Zoom-Meeting dagegen schauen uns alle frontal an. Alle sind gleich nah, verteilt auf verhältnismäßig kleinem Bildschirm-Raum. Es gibt kein Flüstern nebenbei, kein näher-dran- oder weiter-weg-Sitzen. Der Bildschirm zieht unseren Blick an sich, als gäbe es nichts anderes mehr.
Für viele Menschen kann sich diese Form von Kontakt zumindest ungewohnt, manchmal sogar verunsichernd oder überfordernd anfühlen – zum Beispiel, wenn Gesehenwerden früher keine sichere Erfahrung war. Kein Wunder also, wenn sich der Körper in solchen Situationen anspannt, unruhig oder müde wird.
Die gute Nachricht ist: Aus diesem Verständnis heraus lassen sich ganz konkrete, alltagstaugliche Spielräume finden, um unsere Online-Meetings stimmiger zu gestalten, ohne uns dabei weiter zu übergehen. Ich schreibe hier von Zoom, weil ich es selbst für meine Arbeit nutze, aber das gilt genauso für andere Programme.

Zoom-Tipp 1: Ankommen statt „hineinfallen“ – den Übergang gestalten
Ein wichtiger Schlüssel liegt oft schon vor dem eigentlichen Meeting. Ob wir einfach hineinstolpern oder uns ein gutes Ankommen erlauben, macht einen spürbaren Unterschied. (Hier schreibe ich darüber, warum eine gute Vorbereitung gerade auch bei schwierigen Gesprächen Gold wert sein kann.)
Unser Nervensystem registriert sehr genau, ob der Raum, in dem wir sitzen, uns unterstützt. Ein gut gewählter Platz (sofern das möglich ist), eine Decke über den Beinen, etwas Warmes zum Trinken oder ein Gegenstand, der uns Sicherheit vermittelt – all das können wertvolle Anker sein. Wir können sie uns im Vorfeld bereitlegen und während des Meetings immer wieder nutzen, um uns innerlich zu signalisieren: Alles ist gut. Ich bin sicher.
Auch ein paar Minuten früher Platz zu nehmen, den Stuhl bewusst zu spüren und den Atem wahrzunehmen, kann helfen, uns zu entspannen und zu zentrieren – noch bevor der Kontakt nach außen beginnt.

Zoom-Tipp 2: Den eigenen Raum wieder spüren
Im Meeting selbst passiert oft etwas Typisches: Wir werden gefühlt in den Bildschirm hineingezogen. Der Fokus wird eng, der Körper still, der Atem flacher. Unser Nervensystem verliert den Kontakt zum Hier und Jetzt.
Uns immer wieder bewusst zurückzulehnen und in den eigenen Raum zurückzukehren, kann hier entlastend wirken. Den Blick kurz lösen, sich im Zimmer umschauen, aus dem Fenster sehen, den Boden unter den Füßen spüren und wahrnehmen: Das hier ist mein Raum. Ich sitze hier. Ich bin bei mir – und gleichzeitig im Kontakt mit den anderen Teilnehmern. Dieser Perspektivwechsel unterstützt uns nicht nur innerlich, sondern tut auch den Augen gut.
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Das kann übrigens auch eine gute Übung beim Lesen von Blogartikeln sein 🙂
Vielleicht magst du an dieser Stelle eine kurze Pause machen – die Augen vom Bildschirm lösen, dich innerlich zurücklehnen, in aller Ruhe in deinem Raum umschauen und ein paar Atemzüge fließen lassen?
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Zoom-Tipp 3: Kleine Bewegungen, große Wirkung
Unser Nervensystem liebt Bewegungen. Nicht die großen, auffälligen, sondern die feinen, kaum sichtbaren. Gerade in Meetings merken wir oft erst im Nachhinein, wie sehr wir erstarrt sind.
Ein sanftes Verlagern des Gewichts, ein Kreisen der Schultern, ein tieferer Atemzug, ein leichtes Dehnen – diese Mikro-Bewegungen bringen wieder mehr Weite in den Körper, ohne dass wir uns erklären oder rechtfertigen müssen. Sie erinnern uns daran, dass Bewegung kein Zeichen von Unruhe ist, sondern von Regulation – auch (und gerade) im beruflichen Kontext.

Zoom-Tipp 4: Sich kurz unsichtbar machen dürfen
Manchmal können wir wählen, ob wir sichtbar sein möchten oder nicht. Die Kamera kurz auszuschalten, das Gesicht zu entspannen, zu gähnen, sich zu strecken oder ein paar Grimassen zu schneiden, kann dem Nervensystem eine dringend benötigte Pause vom Gesehenwerden geben. Wenn wir uns diese kleinen Unterbrechungen erlauben, können wir danach oft wieder präsenter in den Kontakt zurückkehren.
Und manchmal haben wir diese Wahl nicht – etwa im beruflichen Kontext, wenn die Kamera an bleiben muss. Doch auch dann gibt es Spielraum: Wir können den Blick heben, senken und schweifen lassen, uns zurücklehnen, uns kurz aus dem direkten Sichtfeld der Kamera zurückziehen oder auch mal aufstehen und den Raum für einen Moment verlassen. Auch wenn die Kamera an bleibt, darf sich das Nervensystem regulieren.

Zoom-Tipp 5: Mit Nähe und Distanz spielen
Zoom erzeugt eine sehr gleichförmige und unnatürliche Nähe. Doch auch hier haben wir mehr Spielraum, als wir oft denken. Wir können die Ansicht zwischen Galerieansicht (man sieht alle Teilnehmer auf einmal) und Sprecheransicht (man sieht nur denjenigen, der gerade spricht) wechseln. Und wir können – bei sehr vielen Teilnehmern – die Fenster in der Galerieansicht anders anordnen und so wählen, neben wem wir direkt „sitzen“ möchten.
Auch die körperliche Position macht einen Unterschied. Der Bildschirm muss nicht frontal vor uns stehen. Und wir müssen nicht frontal davor sitzen. Den Bildschirm leicht zur Seite zu drehen, etwas mehr Abstand dazu zu schaffen oder sich selbst seitlicher auszurichten, kann subtil, aber wirkungsvoll sein. So können wir schwere oder aufwühlende Themen innerlich besser an uns vorbeiziehen lassen, statt uns direkt und frontal davon „treffen“ zu lassen.
Und auch der Chat kann ein Spielraum für uns sein. Eine kurze private Nachricht an eine einzelne Person – nicht an alle – kann etwas von dem ersetzen, was im Raum sonst ganz selbstverständlich passiert: der kurze Austausch mit dem Nachbarn, ein zustimmendes Nicken, ein Moment von Verbundenheit, der nicht für alle sichtbar ist. Für das Nervensystem kann das entlastend sein, weil wir den Kontakt hier dosierter und weniger sichtbar für alle erleben.

Fazit: Verbunden, ohne uns selbst zu verlieren
Wir müssen Online-Meetings nicht einfach nur „aushalten“.
Es gibt Spielräume – selbst dann, wenn sich im Außen wenig verändern lässt. Und wohlige Verbindung entsteht nicht durch mehr Zusammenreißen oder Anpassung, sondern durch Sicherheit im Körper.
Genau hier setzt meine Arbeit an. Im Coaching begleite ich Menschen dabei, ihre Stressreaktionen besser zu verstehen und zunehmend selbst regulieren zu können – in Online-Situationen und darüber hinaus. Das Coaching findet ebenfalls online, via Zoom, statt, und die hier beschriebenen Impulse fließen ganz selbstverständlich in die gemeinsame Arbeit ein und können direkt erprobt werden.
Wenn wir erkennen, was unser Nervensystem in herausfordernden Situationen braucht und wie sich Sicherheit, Orientierung und Kontakt im Körper wieder herstellen lassen, können sich unsere gewohnten Stressmuster Schritt für Schritt lösen. Dann wird vieles leichter – auch Online-Meetings.