Klar und friedlich sprechen: geht das gleichzeitig? – Interview mit Rabea Scholz

— inkl. Podcastfolge #20 —

Sprache kann Brücken bauen, aber auch tief verletzen. In dieser Folge hatte ich die Sprachliebhaberin und Texterin Rabea Scholz zu Gast. Gemeinsam sind wir der Frage auf den Grund gegangen, wie wir eine Sprache finden, die gleichzeitig glasklar in der Sache und friedvoll im Miteinander ist – und warum das kein Widerspruch sein muss.

Dazu teilt sie einfache und leicht umsetzbare Kommunikations-Tipps, die uns dabei helfen,

✨ den Seiltanz zwischen friedlicher und klarer Kommunikation zu meistern,

✨ wertschätzende Verbindungen aufzubauen und

✨ sprachliche Manipulation zu entlarven und zu umgehen.


Hier kannst du das Original-Interview im Podcast anhören (A Peace of Language #20, erschienen am 03.03.2020):

🔗 Link zur Folge: Rabeas Facebook-Seite

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💬👉 Alle weiteren Folgen von „A Peace of Language“ und ähnlichen Inhalte findest du gesammelt hier: Archiv: Gewaltfreie Kommunikation & achtsame Sprache – alle Inhalte im Überblick


Sprache kann verteidigen – und verletzen

Rabeas Bewusstsein für die Kraft der Sprache begann früh. In ihrer Kindheit erlebte sie intensive sprachliche Konflikte und lernte so, wie stark Worte wirken können. Wie sie verteidigen – und wie sie verletzen.

Besonders spannend finde ich ihren Blick auf das, was zwischen den Zeilen passiert. Oft spüren wir, dass uns etwas trifft, können aber nicht genau benennen, was es war. Dann meldet sich der Verstand: „Ach, das war doch gar nicht schlimm.“ Und doch bleibt ein ungutes Gefühl.

Rabea bringt es auf den Punkt: Unsere Intuition ist kein „esoterischer Schnickschnack“, sondern unser inneres System, das Signale viel schneller verarbeitet als unser bewusster Verstand. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, dann ist da meistens auch etwas. Das Problem ist nur: Wir haben oft (noch) keine Sprache dafür.

Die Falle der „ehrlichen“ Manipulation und die Kraft der Pause

Als Beispiel, das fast jeder kennt, nennt Rabea den Satz: „Ich muss dir mal ehrlich sagen …“ Was zunächst nach Transparenz klingt, ist oft ein rhetorischer Trick.

Durch das Wort „ehrlich“ wird unsere natürliche Verteidigung herabgesetzt – schließlich will niemand als kritikunfähig gegenüber einem ehrlichen Menschen gelten. Das „Muss“ suggeriert zudem, dass der Sprecher gar keine andere Wahl hat, als uns jetzt zu belehren.

So wird die eigene Verantwortung für die (vielleicht verletzende) Aussage geschickt abgegeben. Allein dieses Bewusstsein verändert schon viel im Umgang mit solchen Gesprächen.

Um solche Muster zu durchbrechen, rät Rabea zu mehr Zeit und Raum. Gerade in hitzigen Situationen oder bei schnellen Messenger-Nachrichten reagieren wir oft reflexartig. Wir rechtfertigen uns, erklären uns und gehen sofort in die Verteidigung. Doch wir dürfen immer wieder innehalten – und uns die Freiheit nehmen zu sagen:

  • „Ich denke darüber nach.“
  • „Ich möchte dir später antworten.“
  • „Ich sage dir morgen Bescheid.“

Die Schallplattentechnik und die Kraft des Neins

Besonders wenn Gespräche in Druck oder Machtspiele ausarten, neigen wir dazu, uns zu rechtfertigen. Doch jede Rechtfertigung bietet neue Angriffsfläche. Hier hilft die „Schallplattentechnik“: Man wiederholt ruhig und bestimmt seinen Standpunkt, ohne in ein „Ja, aber…“ zu verfallen. Ein „Ich möchte das jetzt nicht“ ist ein vollständiger Satz und braucht kein erklärendes „Weil“.

Diese Klarheit darf und soll laut Rabea mit Liebe kombiniert werden. Gerade in engen Beziehungen oder Partnerschaften können wir Grenzen setzen, ohne den anderen abzulehnen. Es geht darum, Ich-Botschaften zu senden, die wirklich bei den eigenen Gefühlen bleiben und nicht versteckte Vorwürfe transportieren wie: „Ich finde, dass du das doof machst.“

Klarheit beginnt innen: Wie wir mit uns selbst sprechen

Was mich besonders berührt hat, war der Teil über die Selbstkommunikation. Die Art, wie wir mit anderen sprechen, spiegelt oft nur das wider, was innerlich in uns geschieht. Rabea empfiehlt eine einfache Übung: Einen Tag lang bewusst zuhören, was man sich selbst sagt.

  • Was denke ich morgens vor dem Spiegel?
  • Wie spreche ich mit mir, wenn etwas schiefgeht?

Oft sind wir mit uns selbst deutlich härter als mit jedem anderen. Auch hier kann das bewusste „Stopp“ helfen, um destruktive Gedankenschleifen zu unterbrechen.

Nein sagen – ohne hart zu werden

Viele Menschen fürchten, durch ein „Nein“ jemanden zu verletzen. Also sagen sie „Ja“ und fühlen sich später leer oder verbogen. Rabeas Ansatz verbindet Klarheit mit Friedlichkeit. Ein Nein darf klar sein („Ich möchte heute nicht“), aber gleichzeitig verbindend bleiben („Ich verbringe sehr gern Zeit mit dir. Und gerade brauche ich Zeit für mich“).

Friedliche Sprache bedeutet nicht, alles weichzuspülen. Sie bedeutet, Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen, statt dem anderen Vorwürfe zu machen.

Totschlagargumente entlarven

Zum Abschluss haben wir einen Blick auf die klassischen „Totschlagargumente“ geworfen, denen wir im Alltag – ob im Job oder privat – immer wieder begegnen. Sätze wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „An deiner Stelle würde ich das auch sagen“ sollen Diskussionen im Keim ersticken.

Rabeas Tipp ist hier simpel wie effektiv: Nachfragen. „Möchtest du damit sagen, dass wir es nicht anders machen dürfen?“ oder ein einfaches „Warum?“ spielt den Ball zurück zum Gegenüber. Es zwingt den anderen, wieder auf die Sachebene zurückzukehren und echte Argumente zu liefern, statt uns sprachlich „plattzumachen“.

Achtsamer zu kommunizieren bedeutet letztlich, den Blick zu schärfen und sich selbst den Wert beizumessen, für die eigenen Bedürfnisse sprachlich einzustehen – klar, friedlich und auf Augenhöhe.

Klarheit ist kein Angriff

Was ich aus diesem Gespräch besonders mitnehme: Klarheit und Friedlichkeit schließen sich nicht aus. Klarheit heißt nicht Härte. Und Friedlichkeit heißt nicht Unterordnung.

Beides zusammen entsteht, wenn wir:

  • unsere Intuition ernst nehmen
  • uns Zeit nehmen
  • bei uns bleiben
  • Schuldzuweisungen vermeiden
  • und bereit sind, Aussagen (auch unsere) zu hinterfragen.

Rabeas eigener Weg dahin war kein einzelner Aha-Moment, sondern ein jahrelanger Prozess. Immer wieder prüfen: Stimmt das eigentlich, was da gesagt wird? Und: Stimmt es für mich?

Und vielleicht ist das der eigentliche Kern: Nicht sofort zu reagieren, sondern alldas erst einmal einfach in Ruhe wahrzunehmen.

Alles Gute für dich,