Sprache ist mächtig. Sie kann verbinden und entzweien, wirkt mal skalpellscharf, mal sanft, aufrüttelnd oder besänftigend. Dieses Wissen können wir uns zunutze machen – und damit unser Wohlbefinden stärken. Heute: Warum wir auf Formulierungen wie „immer“, „ständig“ und „nie“ besonders achten sollten.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ist vor vielen Jahren entstanden. Damals habe ich stark aus einer Perspektive von bewusster Kommunikation, Selbstverantwortung und innerer Wahlfreiheit geschrieben.
Heute arbeite ich körperorientiert und traumasensibel. Ich weiß inzwischen, dass Sprache nicht immer bewusst gewählt wird, sondern oft Ausdruck innerer Zustände ist – von Stress, Überforderung oder alten Beziehungserfahrungen.
Ich lasse diesen Text bewusst unverändert stehen. Als Ausdruck eines damaligen Standpunkts – und als Einladung, ihn heute mit einem erweiterten Blick zu lesen. Unten findest du ein aktuelles Schlusswort aus heutiger Perspektive.
Wenns mal nicht so läuft wie geplant im Leben, neigen wir dazu, die Dinge zu verallgemeinern. Dann heißt es schnell:
- „Immer hast du schlechte Laune!“
- „Nie habe ich Glück im Leben!“
- „Ständig hat er etwas an mir auszusetzen!“
- „Nie hat sie Zeit für mich!“
Damit wollen wir Frust abbauen. Und zugleich klarstellen, dass nicht wir das Problem sind, sondern der Partner, die Freundin, der Arbeitskollege, die Chefin – oder das böse Schicksal im Allgemeinen.
Mit Verallgemeinerungen geben wir Verantwortung ab
Aber nichts ist nur schwarz oder weiß. Und die miese Situation, in der wir uns befinden, hat sehr wohl etwas mit uns zu tun – auch wenn wir das in dem Moment nicht wahr haben wollen oder erkennen können.
Wenn wir „immer“, „ständig“, „nie“, „alles“, „jeder“ usw. sagen und denken, machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt, indem wir unsere Verantwortung abgeben. Denn nicht immer wollen wir eine Erfahrung machen – es liegt jedoch bei uns, wie wir auf sie reagieren.
Von immer und nie ins Hier und Jetzt
Wenn wir pauschalisieren, machen wir das Problem größer, als es eigentlich ist. Zudem werden Lösungen für die Zukunft direkt ausgeschlossen – schließlich ist das Problem ja (so behaupten wir jedenfalls) „immer“ vorhanden oder die Dinge funktionieren „nie“ so, wie wir uns das vorgestellt haben. Und das wollen wir ja nun wirklich nicht. Merke dir also: Nie und immer machen alles schlimmer. 😉
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du ein „Nie hörst du mir zu!“ oder „Immer muss ich mich um alles kümmern!“ auf den Lippen hast: Halte kurz inne, atme tief ein und aus, und nimm dir einen Moment Zeit, um dich zu fragen: Was brauche ich gerade? Was ist mein Bedürfnis? Und wie kann ich es besser formulieren?
- Aus „Wir streiten uns immer.“ wird dann die Überlegung: „Wir haben in letzter Zeit sehr oft gestritten. Das macht mich traurig, weil mir unsere Verbindung wichtig ist. Am liebst würde ich jetzt einfach mal in den Arm genommen werden.“
- Und im Hinblick auf die Aussage „Nie hast du Zeit für mich!“ ergeben sich vielleicht folgende Gedanken: „In der vergangenen Woche habe ich fünf Abende allein zu Hause verbracht. Ich fände es schön, wenn wir mal wieder etwas zu zweit unternehmen könnten und uns Zeit füreinander nehmen. Vielleicht könnten wir morgen zusammen essen gehen.“
Kannst du den Unterschied zwischen den Aussagen spüren? Wie fühlt sich das an?
Ich finde: Aussage No. 1 engt ein, während No. 2 Leichtigkeit verschafft. Differenzieren lässt uns die vielen Grautöne zwischen den schwarz-weißen Verallgemeinerungen erkennen – und in ihnen vielleicht sogar eine mögliche Lösung des Problems.
Bewusst fühlen statt die „richtigen“ Worte wählen
Wichtig ist mir dabei: Es geht nicht darum, Sprachregeln aufzustellen und zwanghaft die Worte „nie“ und „immer“ zu vermeiden. Vielmehr ist es hilfreich, ihren Effekt zu kennen und die feinen, aber doch so kraftvollen Unterschiede von pauschalen und differenzierten Aussagen zu spüren. Und sich dieses intuitive Wissen zunutze zu machen – für aufrichtige, klare und entspannte Kommunikation, die uns mehr Leichtigkeit im Alltag schenkt.
Wie ist es bei dir: Nutzt du Worte wie „immer“ und „nie“ oft in deiner Alltagssprache? Wie geht es dir damit? ∞
Ein Schlusswort aus heutiger Sicht (2026)
Heute verstehe ich Worte wie „immer“ und „nie“ weniger als Denkfehler oder unbewusste Übertreibungen, sondern als Hinweise auf innere Zustände. Sie tauchen oft dann auf, wenn wir unter Stress stehen, uns nicht gehört fühlen oder innerlich überfordert sind.
In solchen Momenten ist Differenzierung nicht immer sofort möglich. Unser Nervensystem sucht Halt – und greift zu starken, vereinfachenden Worten. Ja, bewusste Sprache kann hilfreich sein. Doch noch wichtiger ist ein freundlicher Blick auf das, was sich gerade zeigt: Frust, Schmerz, Einsamkeit oder das Bedürfnis nach Verbindung.
Vielleicht geht es weniger darum, die „richtigen“ Worte zu finden, als darum, wahrzunehmen, was uns innerlich bewegt – und uns Schritt für Schritt wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Wenn du magst, findest du hier sieben kurze Audio-Atempausen, die sich dabei unterstützen können.