Achtsame Kommunikation & Sprache

Gewaltfrei kommunizieren – warum eigentlich?

Gewaltfreie Kommunikation ist der Schlüssel zu einem liebevolleren Umgang mit anderen und uns selbst. Doch die Bezeichnung irritiert zunächst: Was hat Kommunikation überhaupt mit Gewalt zu tun? Und warum lohnt es, den Blick auf die eigenen Sprachmuster zu lenken?

  • „Nie rufst du an.“
  • „Ihre Vorgängerin wusste noch, wie man Ordnung am Arbeitsplatz hält.“
  • „Du siehst so abgemagert aus du musst mehr essen.“
  • „Du redest schon wie deine Mutter.“
  • „Ich kann doch nichts dafür, dass er das Dokument verlegt hat.“
  • „Ihr Männer seid doch alle gleich.“

Solche und ähnliche Sätze kennt vermutlich jeder von uns. Sie begegnen uns in den Medien, bei der Arbeit, in der Familie.

Und wir wissen auch: Sie zu hören, kann weh tun. Sie auszusprechen, kann andere verletzen. Nicht körperlich natürlich. Aber dennoch hinterlassen solche Worte Spuren beim Gegenüber. Und transportieren somit Gewalt.

Und die kann in körperliche Gewalt münden. Der Psychologe und Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, hat das treffend in Worte gefasst:

Die Antwort auf die Frage nach der Ursache von Gewalt liegt in der Art und Weise, wie wir gelernt haben zu denken, zu kommunizieren und mit Macht umzugehen.

Die eigene Kommunikation überdenken

Die Gewaltfreie Kommunikation bietet einen Ausweg aus diesem Teufelskreis von Machtstrukturen und ihrer Repräsentation in unserer Sprache. Sie lehrt uns, auf unsere Worte zu achten, anderen Menschen einfühlsam zu begegnen und Verantwortung für das eigene Handeln und die eigenen Worte zu übernehmen.

Das heißt: Es geht immer um die eigene Haltung. Denn ich kann oftmals nicht verhindern, dass mir etwas Unangenehmes passiert, dass jemand etwas Gemeines zu mir sagt aber ich kann sehr wohl entscheiden, wie ich darauf reagiere.

Was brauche ich? Was brauchst du?

Dazu muss ich in mich hineinhören und beobachten, was ist in mir lebendig ist: Was brauche ich gerade? Wie fühle ich mich? Welche meiner Bedürfnisse sind gerade (nicht) erfüllt? Und das gilt es zu sagen ohne es zu bewerten.

Zum Beispiel: Wenn ich dich sagen höre, ich riefe dich nie an, fühle ich mich irritiert, weil mir klare Absprachen wichtig sind. Bist du bereit, jetzt mit mir einen Termin für unser nächstes Telefonat zu vereinbaren?

Diese Worte klingen erst einmal gestelzt und sind gerade am Anfang gar nicht so leicht zu formulieren, weil wir von Klein auf etwas anderes gewohnt sind: Kurzschlussreaktionen, Gegenangriffe, Beschuldigungen, Bewertungen und Vergleiche.

Der verborgene Kern der Gewaltfreien Kommunikation

Um Kommunikation, so ist mein Eindruck, geht es bei der Gewaltfreien Kommunikation also gar nicht in erster Linie. Natürlich: Um gewaltfrei kommunizieren zu können, bedarf es einer gewissen sprachlichen Präzision.

Aber Sprechen und Körpersprache bilden nur den sicht- beziehungsweise hörbaren Teil der Gewaltfreien Kommunikation. Sie sind sozusagen die Spitze des GfK-Eisbergs.

Der weitaus größere Rest befindet sich analog zum Eisberg unter Wasser, er läuft also unbeobachtet ab.

Doch wie sieht dieser unsichbare Teil des GfK-Eisbergs aus?

Er besteht aus Verständnis und Verstehen-wollen. Aus dem Wunsch, liebevoll mit sich und anderen umzugehen. Aus Selbstverantwortung und dem Wissen, dass ich niemanden ändern kann außer mir selbst.

Innenschau anhand der GfK-Grammatik

Er besteht aus dem Wunsch nach (Selbst-)Erkenntnis: in einem Konflikt nicht direkt an die Decke zu gehen, zurückzuschießen und zu verletzen sondern in sich zu gehen. Es geht um innere Arbeit.

Und die lässt sich anhand der vier Schritte der GfK-Grammatik in Lernziele unterteilen:

Beobachtung und Bewertung trennen

✔ Eigene Gefühle und Bedürfnisse entschlüsseln

✔ Eine Bitte anstatt einer Forderung äußern und ein Nein als Antwort akzeptieren lernen.

Und nichts davon ist einfach. Denn bevor überhaupt gesprochen wird, müssen erst einmal viele Denkprozesse im Kopf ablaufen:

Sich einfühlen in den anderen und sich selbst, Verständnis aufbringen, entscheiden, wer und wie man sein will, wie man liebevoll reagiert.

Diese Prozesse und Einstellungen allesamt aktive Entscheidungen für ein liebevolleres Miteinander machen die GfK zum Großteil aus. Erst dann kommt die Sprache ins Spiel.

Nicht einfach – aber lohnenswert

Ja, das klingt erst einmal anstrengend. Es lohnt sich aber unbedingt  denn all die Lernprozesse bergen das Potenzial, die Sicht auf uns und unsere Mitmenschen grundlegend zu verändern.

So können wir uns selbst näher kommen, uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen verbinden und achtsam mit uns und unseren Mitmenschen umzugehen. Damit beide Seiten von dem Gespräch profitieren und Freude statt Frust erfahren. Einfach ist das nicht aber ungemein wichtig für ein freundliches Miteinander. ∞


Eine hilfreiche Übersicht über die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation findest du hier.

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