Achtsame Kommunikation & Sprache

„Junge, warum hast du nichts gelernt?“ (2) – Ein Übersetzungsversuch ins Giraffische

Die Gewaltfreie Kommunikation wird auch Giraffensprache genannt. Das Gegenstück ist die Wolfssprache, ein Sinnbild für unsere gewohnte Alltagssprache. Wie man vom Wolf zur Giraffe werden kann? Ein Übersetzungsversuch mit Formulierungshilfen.

Wie die Wolfssprache in Aktion aussieht, habe ich hier gezeigt. Nun ist das Gegenstück dran: die Giraffensprache.

Sie besteht aus vier Schritten (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte). Diese ermöglichen es uns in jeder Situation:

  1. uns selbst klar ausdrücken,
  2. uns in andere hineinzuversetzen (Einfühlung) und
  3. Selbsteinfühlung.

In Aktion könnte das zum Beispiel so aussehen:

 
Junge, warum hast du nichts gelernt? Beim Gedanken daran, dass du keine Ausbildung machst, bin ich besorgt, weil mir Sicherheit wichtig ist. Kannst du mir sagen, warum du nicht nach Stellen suchst?
Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto. Warum gehst du nicht zu Onkel Werner in die Werkstatt? Der gibt dir ’ne Festanstellung – wenn du ihn darum bittest. [Selbstempathie] Wenn ich sehe, dass der Dieter ein Auto hat und du nicht, bin ich neidisch, weil mir Akzeptanz und Gleichheit wichtig sind. Ich könnte ihn fragen, ob er bereit ist, zu Onkel Werner zu gehen und ihn um eine Festanstellung zu bitten.
Und wie du wieder aussiehst – Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm. Die Hose, die du trägst, hat Löcher. Das macht mich …, weil mir Ordnung wichtig ist. Wollen wir jetzt eine neue kaufen gehen?

Du hörst sehr laut Musik. Das stört mich, weil ich nach der Arbeit Erholung und Ruhe brauche. Könntest du die Stereoanlage leiser drehen?

Was sollen die Nachbarn sagen? [Selbstempathie] Wenn ich sehe, dass mein Sohn arbeitslos ist und der der Nachbarn nicht, dann schäme ich mich, weil ich Anerkennung bräuchte. Ich könnte mir sie auf anderen Wegen suchen – zum Beispiel, indem mich selbst für die Leistung anerkennen, meinen Sohn großgezogen zu haben.
Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte – musst du die denn färben?

(…)

Wenn ich deine grünen Haare sehe, bin ich irritiert, weil mir Ordnung und die Anerkennung der Nachbarn wichtig sind. Kannst du mir sagen, ob du bereit bist, die  Haarfarbe herauswachsen zu lassen?
Was soll das Finanzamt sagen?

(…)

[Selbstempathie] Wenn ich sehe, dass mein Sohn arbeitslos ist, dann sorge ich mich, weil mir Sicherheit wichtig ist – auch für meinen Sohn. Ich könnte ihn bitten, heute noch nach Stellen zu suchen.
Wo soll das alles enden? Wir machen uns doch Sorgen …

(…)

[Selbstempathie] Wenn ich sehe, dass mein Sohn arbeitslos ist, dann sorge ich mich, weil mir Sicherheit wichtig ist – auch für meinen Sohn. Ich könnte ihn bitten, heute noch nach Stellen zu suchen.
Und immer deine Freunde, ihr nehmt doch alle Drogen – und ständig dieser Lärm.

(…)

Wenn wir deine Freunde sehen, sind wir ängstlich, weil uns Klarheit darüber wichtig ist, was ihr tut. Wärst du bereit uns zu erzählen, womit ihr eure Zeit verbringt?
Songtext: Die Ärzte: "Junge", Autor: Farin Urlaub, veröffentlicht am 5.10.2007, Album: Jazz ist anders, Label: Hot Action Records

                         

Giraffensprache: Formulierungshilfen

Diese vier Schritte (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte) können wir für alle gängigen Situationen einsetzen:

1. Sich selbst klar ausdrücken

    Wenn ich sehe, dass du ……. handelst,

   dann fühle ich mich …..,

  weil ich ……. brauche.

    Könntest du bitte ….. tun?


2. Sich in den anderen Hineinversetzen (Einfühlung)

    Wenn du siehst/hörst, dass jemand ……. handelt,

   dann fühlst du dich …..,

  weil du ……. brauchst.

    Deshalb bittest du diesen jemand ….. zu tun.


3. Selbsteinfühlung

    Wenn ich sehe, dass er/sie ……. handelt,

   dann fühle ich mich …..,

  weil ich ……. bräuchte.

    Könnte ich ihn/sie bitten …….. zu tun? ODER: Ich könnte nach anderen Wegen suchen, mein Bedürfnis zu erfüllen.


Übersetzt man den Wust an Vorwürfen in die Giraffensprache, so lässt sich zwar kein knackiger Songtext mehr daraus basteln – aber die Sorgen, Ängste und Zweifel sind ausgesprochen und können bearbeitet werden. ∞


Eine hilfreiche Übersicht über die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation findest du hier.

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